10.000 Botschaften gesammelt

Deutschlands einziges Liebesbrief-Archiv

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Hoffentlich ein Liebesbrief: Eine Koblenzer Forscherin sammelt die amourösen Botschaften.

Koblenz - Über Jahrhunderte hinweg haben sich Liebende Briefe geschrieben. Eine Koblenzer Forscherin sammelt diese Botschaften. Die werden mittlerweile aber ganz anders transportiert.

Echte Liebe in all ihren Facetten, mal romantisch, mal betrügend, mal aussichtslos: Ihre Spur versteckt sich in unscheinbaren, grauen Schränken in der Bibliothek der Universität Koblenz. Etwa 10.000 Liebesbriefe aus verschiedenen Epochen hat die Professorin Eva Lia Wyss in ihrem Archiv bereits gesammelt – es ist nach Universitätsangaben das einzige seiner Art in Deutschland.

Eine - vielleicht überraschende – Erkenntnis ihrer Arbeit: Der Mann ist „furchtbar emotional“, sagt Wyss. Ob auf dem Fußballplatz oder in der Kommunikation mit seiner Angebeteten: Der Mann lässt nach ihren Erkenntnissen seinen Gefühlen freien Lauf. Und die Frau lässt sich erobern – schön langsam.

Liebesbriefe im Zeitalter des Internets

„Grundsätzlich hat sich an diesen Geschlechterrollen wenig geändert“, sagt Dr. Kai Dröge, der an der Frankfurter Goethe-Universität zum Thema Online-Dating forscht. Der Erstkontakt gehe meist von Männern aus. Die Frauen wählten aus, „wer am schönsten schreibt“. Die Kehrseite der Online-Kontakte: Männer schreiben nicht nur romantische Botschaften, sondern nutzten die weitgehenden Anonymität im Netz auch für eine „krude sexuelle Anmache“, was so manche Frau auf Dauer frustriere.

Wer seine Adresse auf einen Brief aus Papier schreiben musste, hielt sich in dieser Hinsicht eher zurück. Die älteste Liebesbotschaft im Koblenzer Archiv ist von 1834, die neueste von 2006. Besonders viele stammen aus den 1940er und 1950er Jahren; nach der Verbreitung des Telefons wurde weniger geschrieben. „In den 1990er-Jahren kommt das wieder in Schwung durch die E-Mail und die häufigeren Fernbeziehungen“, sagt Wyss.

Das Internet - ein Ort der Romantik?

Dröge spricht von „einer erstaunlichen Renaissance der Schriftlichkeit“. Auch heute schreiben Mann und Frau in Dating-Plattformen lange Nachrichten hin und her, kommunizieren via Chat, SMS und WhatsApp. Viele Nutzer empfänden das als „Kennenlernen von innen nach außen“, erläutert der Wissenschaftler. Es geht zunächst um Meinungen, Gedanken, Pläne. Für Dröge ist das Netz deshalb „ein neoromantisches Medium“, in dem wieder Platz ist für die Idee, dass innere Werte in der Liebe wichtiger sind als Äußerlichkeiten. Aber natürlich spielen auch Fotos eine Rolle.

In Zeiten von WhatsApp, Facebook und Co. seien Paare in einer Art Dauergesprächszustand, erklärt Wyss, die auch diese Art der Kommunikation sammelt. Die Liebeserklärung wird gerne mal per Emoticon in die profane Debatte eingebaut, wer den Einkauf erledigen muss. Was per WhatsApp und SMS hin und her gehe, sei „nicht annähernd so schön“, wie das, was sie in alten Briefen lese, hat Wyss' Assistentin Katharina Eggert festgestellt.

Im Internet ist heute die Konkurrenz bei der Partnersuche riesig. Viele Nutzer griffen aus Angst, sich zu blamieren, beim Schreiben unbewusst auf Floskeln und klischeehafte Formulierungen zurück, beobachtet Dröge. „Leider ist das tendenziell tödlich für jede Liebeskommunikation.“

Wie eine Organspende 

In Wyss' Archiv sind Briefe von Frauen stark unterrepräsentiert. „Vielleicht sammeln Männer die nicht oder wollen sie uns nicht zukommen lassen“, meint die gebürtige Schweizerin, die sich bereits seit 1997 mit Liebesbriefen beschäftigt. 2500 landeten – damals noch in Zürich – nach einem Zeitungsaufruf in ihrem Briefkasten. Und sie sammelte seither eifrig weiter, denn mit drei Kollegen aus Darmstadt, Mainz und Rostock will die 53-Jährige unter anderem den Wandel des Gefühlsausdrucks genau untersuchen.

Eine Briefespenderin habe bei der Übergabe erklärt, für sie sei das wie eine Organspende, erinnert sich Wyss. Sie überreichte eine große Kiste, die Korrespondenz war in Stapeln nach ihren sieben Partnern sortiert.

Auf einer speziellen Seite im Internet bittet die Forscherin um Einsendungen aller Arten von Liebesbotschaften. Zudem sammeln Studenten für sie Botschaften im Internet und im Freundes- und Bekanntenkreis.

Manche Geschichten berührten sie schon, gibt die Sammlerin zu. Aber trotz aller Romantik und Tragik müsse sie analytisch bleiben. Schließlich ist sie Wissenschaftlerin und arbeitet nicht am Drehbuch für die nächste Vorabend-Seifenoper.

Wer einen Liebesbrief, eine Liebes-E-Mail oder eine Liebesbotschaft via Facebook oder WhatsApp der Wissenschaft zur Verfügung stellen möchte, schickt das Material an: liebesbriefarchiv@uni-koblenz.de oder Prof. Dr. Eva L. Wyss, Universität Koblenz-Landau, Standort Koblenz, Liebesbriefarchiv, Universitätsstr. 1, 56070 Koblenz. Die Briefe werden für die Forschung anonymisiert.

dpa

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