Tödlicher Streit bei McDonald's

Freundinnen von Tugce beschreiben Eskalation

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Ein Plakat mit der Aufschrift "Tugce" liegt vor dem Landgericht in Darmstadt im Gras.

Darmstadt - Wie kam es auf dem Parkplatz vor McDonald's zum tödlichen Schlag gegen Tugce? Freundinnen berichten, wie Pöbeleien eskalierten. Noch sind aber viele Fragen offen.

Im Prozess um den Tod der Studentin Tugce haben Freundinnen des Opfers geschildert, wie sie in der Tatnacht mit der Gruppe um den Angeklagten Sanel M. aneinandergeraten sind. Die Jungen hätten die älteren Mädchen in dem Fast-Food-Restaurant in Offenbach grundlos angepöbelt und beleidigt, sagten mehrere Zeuginnen am Montag, dem zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Darmstadt. Auf dem Parkplatz sei diese Auseinandersetzung in der Novembernacht 2014 später eskaliert.

Der 18-jährige Sanel M. soll den jungen Frauen zufolge schließlich auf dem Parkplatz neben dem Schnellrestaurant auf Tugce losgegangen sein. Ein Freund habe versucht, ihn zurückzuhalten. Auch Tugce sei von einer Freundin zurückgehalten worden. Ob sie sich dabei losgerissen hat, um auf Sanel zuzugehen, konnte eine 21 Jahre alte Zeugin - anders als in ihrer ersten Vernehmung - nicht sicher sagen. Andere hatten die Situation nicht genau gesehen.

Ob Tugce Sanel möglicherweise etwas hinterrief, als dieser auf dem Weg zum Auto war, und er deshalb umkehrte, blieb ebenfalls offen. Vor dem tödlichen Schlag soll die Lehramtsstudentin aus Gelnhausen nach Aussage einer 26-Jährigen „Halt's Maul, Du Hurensohn!“ gerufen haben.

Vorausgegangen seien aber über einen längeren Zeitraum üble Beleidigungen von Sanel und einigen seiner Kumpels. „Da sind richtig, richtig schwere Wörter unter der Gürtellinie gefallen“, sagte eine 29-Jährige, die als sechste Zeugin gehört wurde. Ein Freund von Sanel soll mehreren Zeuginnen zufolge fast zeitgleich mit dessen Schlag gegen Tugce auf ein anderes Mädchen aus der Gruppe losgegangen sein. Dabei habe er drei Freundinnen getroffen.

Sanel und seine Freunde hätten die Mädchen in dem Schnellrestaurant von Anfang an beleidigt, sagte eine 22-Jährige. Als sie eine laute Auseinandersetzung aus der Toilette im Untergeschoss gehört hätten, sei Tugce aufgesprungen und nach unten gerannt. Einer 20 Jahre alten Zeugin zufolge hatte Tugce dort zuvor zwei junge, angetrunkene Mädchen bemerkt. Zwei Freundinnen seien Tugce auf die Damentoilette gefolgt, wo Sanel und zwei seiner Freunde im Türrahmen standen und mit den 13 Jahre alten Mädchen diskutierten, die auf dem Boden saßen.

Tugce habe die jungen Männer aufgefordert, zu gehen, und sich nach dem Wohlergehen der Mädchen erkundigt. Zwei oder drei Männer, Mitte 30, sollen Sanel und einen seiner Kumpel dann im Schwitzkasten nach oben gebracht haben. Dabei habe Sanel Tugce gedroht. Eine andere Zeugin sprach von gegenseitigen Beleidigungen zwischen den Gruppen auf der Treppe.

Eine Zeugin sagte, Sanel habe mit der linken Hand ausgeholt, flach zugeschlagen und Tugce an der Schläfe getroffen. „Sie hat die Augen direkt zu gehabt und ist umgefallen.“ Die 22 Jahre alte Lehramtsstudentin zog sich erhebliche Kopfverletzungen zu und fiel ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte.

Angeklagter im Tugce-Prozess: "Es tut mir unendlich leid"

Sanel M. ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Wenn er nach Jugendstrafrecht verurteilt wird, drohen ihm sechs Monate bis zehn Jahre Gefängnis. Sollte er nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden, muss er mindestens drei Jahre in Haft.

Der Prozess geht Montag mit der Vernehmung weiterer Zeugen weiter. Außer Freundinnen Tugces sollen auch Kumpels von Sanel gehört werden. Das Gericht hat insgesamt 60 Zeugen geladen und zehn Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil fällt voraussichtlich Mitte Juni.

Der Angeklagte hat rund fünf Monate nach dem gewaltsamen Tod der Studentin den Angriff zugegeben: „Ich habe in der Tatnacht der Tugce eine Ohrfeige gegeben und sie ist dann umgefallen“, sagte Sanel M. am Freitag zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Darmstadt. Mit tränenerstickter Stimme sagte der 18-Jährige: „Es tut mir unendlich leid, was ich getan habe.“

dpa

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