Angeklagter hat "erhebliche Schuld"

Tugce-Prozess: Mehrjährige Jugendstrafe gefordert

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Der angeklagte Sanel M. vor Gericht.

Darmstadt - Im Prozess um den gewaltsamen Tod der Studentin Tugce hat die Anklage eine Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten ohne Bewährung für Sanel M. gefordert.

Man sehe bei dem Angeklagten eine „erhebliche Schuld“ und „schädliche Neigungen“, betonte die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer am Freitag vor dem Landgericht Darmstadt. Sie wertete zu Gunsten des Angeklagten sein Geständnis. Dies sei von Reue getragen gewesen, sagte Lüter. Zudem sei von ihm in der Öffentlichkeit "ein verzerrtes Bild" gezeichnet worden. Zu seinen Lasten führte sie auf, dass er bereits wegen verschiedener Delikte verurteilt worden sei. Die Tat habe "keinesfalls Ausnahmecharakter", sagte Lüter.

Der Prozess gegen den 18-jährigen Sanel M. geht in die Endphase. Es geht um den Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge. Er soll die Lehramts-Studentin Tugce im November 2014 vor einem Schnellrestaurant in Offenbach nach einem Streit so heftig ins Gesicht geschlagen haben, dass sie stürzte und wenige Tage später starb.

Verteidigung bezweifelt die Reue des Angeklagten

Die Anwälte der Familie Albayrak, die im Prozess als Nebenkläger auftritt, plädierten ebenfalls für eine Jugendstrafe, zweifelten aber daran, ob die von der Staatsanwaltschaft geforderten drei Jahre und drei Monate ausreichen: Es sei "unerlässlich", mit einer "längeren Gesamterziehung" auf den Angeklagten einzuwirken. Ein genaues Strafmaß forderten sie nicht.

Sie zeigten sich dagegen überzeugt, dass es sich bei der Tat des Angeklagten um ein abgesprochenes Vorgehen mit einem Freund gehandelt habe, um die jungen Frauen zu bestrafen. Die Erklärung des Angeklagten zum Prozessbeginn sei auch nicht von Reue getragen, sondern von Prozesstaktik geleitet gewesen, sagte der Anwalt Macit Karaahmetoglu. "Er ist sich ganz offensichtlich nicht im Klaren darüber", was er der Familie Tugces angetan habe.

Sanel M.: "Es tut mir leid."

Sanel M. entschuldigte sich in seinem letzten Wort. "Der Schlag war der schlimmste Fehler meines Lebens", sagte der 18-Jährige. "Ich kann das nie wieder gut machen. Ich kann nur sagen, dass es mir leid tut." Egal, was bei dem Verfahren herauskomme, er müsse damit leben, dass ein Mensch tot sei.

Kritik an "klarer Rollenverteidigung"

Es gebe in dem Fall „nicht nur Schwarz-Weiß, sondern viele Grautöne“, sagte Oberstaatsanwalt Alexander Homm. Weder sei Sanel M. ausschließlich ein aggressiver „Koma-Schläger“, noch Tugce eine „nationale Heldin“ für Zivilcourage. Vielmehr habe es Provokationen und Beleidigungen auf beiden Seiten gegeben.

Auch nachdem das Gericht rund 60 Zeugen gehört hat, bleiben Homm zufolge „viele Punkte ungeklärt“, etwa die Frage, ob Tugce auf der Toilette des Restaurants zwei 13-jährigen Mädchen half, Sanel M. und seine Freunde loszuwerden. Klar ist aus Sicht der Anklage aber: Im Lokal, vor der Tür und später auf dem Parkplatz begann eine „Spirale der Aggression“, die in der tödlichen Ohrfeige endete.

Anwalt von M. hält Bewährungsstrafe für ausreichend

Die Verteidigung forderte eine Bewährungsstrafe. Der Anwalt von M., Christian Heinemann, plädierte für eine Jugendstrafe von einem Jahr auf Bewährung, die beiden anderen Verteidiger des Angeklagten nannten kein genaues Strafmaß. Die Anwälte kritisierten vor allem die "Vorverurteilung" ihres Mandanten in der Öffentlichkeit. Diese sei "beispiellos" gewesen, sagte Anwalt Heinz-Jürgen Borowsky. Das Leben von Sanel M. werde auch in Zukunft von Angst bestimmt sein müssen. Er plädierte zudem dafür, die Tat nicht als Körperverletzung mit Todesfolge zu bewerten.

Am kommenden Dienstag (16. Juni) könnte dann das Urteil fallen. Der Tod der 22-Jährigen hatte bundesweit große Anteilnahme ausgelöst.

dpa/afp

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