Diese Statistik macht wütend

Zahl der Kindesmisshandlungen hat zugenommen

München - Die Zahl der getöteten Kinder in Deutschland ist im vergangenen Jahr gesunken - zugleich wurden aber mehr Fälle von körperlicher Misshandlung registriert.

2013 wurden insgesamt 153 Kinder getötet, das waren rund acht Prozent oder 14 Fälle weniger als im Vorjahr, wie der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, am Dienstag in Berlin erklärte. Am häufigsten betroffen waren demnach Neugeborene bis unter Sechsjährige. 61 Fälle waren laut der polizeilichen Kriminalstatistik Mord- und Totschlagsdelikte.

87 Kinder starben, weil Eltern oder Angehörige ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt hatten - etwa, indem sie das Kind verdursten ließen. 61 Kinder wurden vorsätzlich getötet, fünf starben laut Statistik an den Folgen einer schweren Körperverletzung.

Mehr Fälle von Kindesmisshandlung

Einen Anstieg verzeichnete die vom BKA und der Deutschen Kinderhilfe vorgelegte Statistik bei den Kindesmisshandlungen. Nachdem die Zahl der Opfer im Jahr 2012 erstmalig gesunken war, wurden 2013 wieder 4051 Misshandlungen registriert. Das war ein Anstieg von 1,3 Prozent.

14.877 Kinder wurden im vergangenen Jahr Opfer sexueller Gewalt, das war ein leichter Rückgang um 1,8 Prozent. Damit werden im Durchschnitt 40 Kinder pro Tag missbraucht. Die von der Polizei erfassten Fälle des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischen Materials stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 16,4 Prozent auf 6691 Fälle.

Wenngleich die Zahl der getöteten Kinder von Jahr zu Jahr schwankt, gibt es doch seit zehn Jahren einen insgesamt rückläufigen Trend. Ziercke sieht aber keinen Grund zur Entwarnung: „Jeder einzelne Fall von Gewalt an Kindern ist eine Tragödie“, betonte er. "Es sind schwere Straftaten mit einem großen, teils lebenslang andauernden Schaden für die Opfer."

Hohe Dunkelziffer

Die Experten gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus. Die meisten Kindesmisshandlungen passierten fernab der Öffentlichkeit, betonte Ziercke. Die größte Gefahr kommt dabei oft aus der eigenen Familie: Bei der Hälfte der Todesfälle bestand nach Zierckes Worten zwischen Täter und Opfer ein Erziehungs- und Betreuungsverhältnis. „Diese Kinder wurden also in ihrem sozialen Nahraum getötet durch Personen, deren Aufgabe es gewesen wäre, für das Wohlbefinden und die Sicherheit dieser Kinder Sorge zu tragen.“

Durchschnittlich kämen jede Woche drei Kinder durch Mord, Totschlag, fahrlässige Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolge ums Leben. Ein entsprechend ernüchtertes Fazit zog der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker: „Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland noch immer trauriger Alltag.“

Auch Becker forderte eine „Generalüberholung“ des derzeitigen Systems: „Der Staat muss endlich aufhören, viel Geld gießkannenhaft in ein löchriges Kinder- und Jugendschutzsystem zu investieren, um nur notdürftig die gröbsten Löcher zu stopfen.“ Notwendig sei stattdessen ein engmaschiges Beratungssystem, das bereits in der frühesten Kindheit ansetzt.

Zugleich forderte Becker einen strukturellen Umbau der Kinder- und Jugendhilfe. Nötig seien einheitliche Fachstandards, eine gerechte Entlohung und eine Entlastung der Mitarbeiter. Derzeit müsse ein einziger Sacharbeiter mitunter 160 Problemfälle bearbeiten.

"Wer wegsieht, macht sich mitschuldig"

Allerdings nütze alles Engagement nichts, wenn Nachbarn oder Angehörige vor Missbrauch und Gewalt "die Augen verschließen". Nach wie vor würden Gewalttaten gegen Kinder zu selten angezeigt. Deshalb riefen Ziercke und Becker die Bevölkerung zu erhöhter Aufmerksamkeit auf. „Wer wegsieht, macht sich mitschuldig an dem Leid der Kinder“, warnte der BKA-Chef. Becker warb für eine Kultur des Hinsehens und Tätigwerdens: „Jedes Zögern und jedes Wegsehen kann ein weiteres kindliches Opfer bedeuten.“ Michael Tsokos, Rechtsmediziner von der Berliner Charité, forderte darüber hinaus eine bessere Schulung von Ärzten, Lehrern und Betreuern: „Das ist keine Kernphysik, eine Misshandlung zu erkennen.“

AFP/dpa

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