Bürgel - Fastnacht und Politik, eine nahezu klassische Symbiose? Fest steht: Politiker kommen am närrischen Treiben nicht vorbei. Und Karnevalisten brauchen die Politik als (meist unfreiwilligen) Lieferanten für ihre Possen. Von Martin Kuhn

© Georg
Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen...
Bleibt die spannende Frage, wer von dieser Zweckgemeinschaft profitiert. Bei der Ranzengarde ist’s schnell klar: Das Publikum ist der lachende Dritte!.
„Tisch 6. Ganz vorn.“ Helga Stephan weist den Weg durch die Pfarrsaal-Reihen. Der Schreiberling hat ungestörte Sicht auf die Bühne im neuen Design, jedoch nicht auf die dicht gefüllten Reihen. Gut, dass der stets gutgelaunte Sitzungspräsident Wolfgang Zühlke unter anderem jene begrüßt, auf deren Kosten sich die Symbionten im Laufe des Abends vergnügen. Der Jokusstab vereint für diesen Abend Sozialminister Stefan Grüttner, Oberbürgermeister Horst Schneider, Unions-Fraktionschef Peter Freier und andere. Nach dem obligatorischen Austausch von Küsschen und Orden heißt’s endlich: Ring, pardon, Bühne frei!
Im Foyer warten Gardetrommler und Marktfrau – Dagmar Winter eher vergnügt, Tobias Stephan eher nervös. Warum nur? Das scharfe, teils genau pointierte Protokoll greift auf, was mitunter in Vergessenheit gerät, reicht von Christoph Daum bis zu Michel Friedman und greift auch thematisch nicht zu kurz, etwa beim allgegenwärtigen Fluglärm, der seit Eröffnung der Nordwestbahn Bürgel erfasst. „Vielleicht wird’s eine Geisterstadt, wie man sie am Mainzer Ring schon hat.“ Duffdä, duffdä. Kokett mutet die „Dance Company“ der Turnerschaft Klein-Krotzenburg an – weiße Sommerkleider mit grüner Schleife und drunter rote Röckchen. Zum Entzücken des (männlichen) Publikums gewinnt nicht allein diese sportliche Tanznummer nach dem Party-Ohrwurm „Schatzi, schenk mir ein Foto“ deutlich an Fahrt.
Der Jugend steht musikalisch und sprachlich nach etwas anderem der Sinn. Da ihr Chillen (Ausruhen) am Bürgerplatz empfindlich gestört wird, rappen sie flott los: „Von Nackenheim bis Offenbach sind Flieger überall; sie treiben uns zum Wahnsinn mit ihrem lauten Schall.“ Westcoast am Dalles? Yo, Mann. Bei Facebook zeigt der Daumen nach oben: Gefällt mir!
Betty (Andrea Stephan) und die Berjel Boys (Mario Dorn, Stefan Quadt, Michael Tippmann, Tobias Stephan) nehmen frohgelaunt die Stimmung im Ort auf und Ungereimtheiten aufs Korn. Begrünung: „Vielen Dank für die Kübel!“ Oder Bau der Bürgeler ESO-Sportfabrik: „Was ist die TSG für’n cleverer Verein, ein bisschen Neid müsst ihr uns schon verzeih’n. Und wenn man euch nicht auf die Finger schaut, Elsässer auf die Pauke haut.“ Puuh, das könnte Ärger geben...
Nach der Pause entern Elfen, frisch aus Neptuns Reich, Bühne („Wunder gibt es immer wieder“) und Elferrat. Das „Sushi von morgen“ entzückt nicht nur den Sitzungspräsidenten. Da steigt die Lachfrequenz. Als „Cindy von Berjel“, Schwester im Geiste der Berliner Plattenbau-Prinzessin, kalauert Karin Weigel eine Runde. Sie bekennt, dass sie schwer erkrankt ist: Alzheimer-Bulimie. Bitte? „Ja, wenn du den ganzen Tag frisst und abends das Kotzen vergisst.“ Mit einer Polka folgen nochmals die Raga-Tänzerinnen, ehe Anja Fröhlich und Stephanie Ruß mit „Im Wagen vor mir“ auf Playback setzen und mit Minitröten und Polonaise den Saal einbeziehen. Eine nette Idee.
Gewichtiger ist der Auftritt des Herrenballetts, äh, -quintetts, das beinahe hätte ausfallen müssen. „Verletzungsbedingt.“ Aber nach 58 Jahren wollte man das nicht akzeptieren. Also beißen Herbert Mahlow („Eure Wuchtigkeit“), Mario Dorn, Santo Barth, Rudi Fritz und Wolfgang Prüssing auf die Zähne – eine Wiederaufnahme, die ankommt.
Gewohnt garstig Uschi Steinbacher alias Helene Rump alias Oma Lenchen. Eigentlich schade, dass der Verwaltungschef zur Halbzeit den Saal wechselte am Sitzungswochenende. Dabei wollte sie dem Horst Schneider einiges sagen; etwa dies: „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie in diesem Jahr da sind.“ Verstanden? Ei, die OB-Wahl... Oder den: „Ich hab’ ja gewusst, dass der Stadt das Wasser bis zum Hals steht! Aber dass es jetzt wieder beim Stadtkrankenhaus rauskommt...“ Dabei liebt Helene Rump alle Politiker – auf Plakaten: „Tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“
Tusch, Umbau und Finale mit den Röchlern. Unter der großen Feder von Andrea Stephan, Mario Dorn und Tobias Stephan heißt es „Zum Blauen Bock“. Witziger Leicht- und Tiefsinn nach bekannten Melodien vereint Raga-Familie und Publikum und nochmals die Lokalpolitik: „Zwei Wochen später gab’s die Stichwahl, ach wie fein! Herr Schneider und Herr Freier hängen sich noch mal richtig rein. Doch hinterm Ofen lockten sie niemand hervor: Die Wahlbeteiligung historisch tief wie nie zuvor.“ Wer’s verpasst hat, sei getröstet: Bis zur nächsten Kampagne liefert die Politik gewiss neue Steilvorlagen...
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