Startschuss fürs Rheingau Musik Festival

Sinfonisches an sakralem Ort

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Der Überakustik getrotzt: Christoph Eschenbach leitete das Konzert mit dem hr-Sinfonieorchester.

Eltville -  Der Spielort wirkte wieder einmal inspirierend. Mit Schuberts „Unvollendeter“ und der 6. Sinfonie A-Dur von Anton Bruckner startete das Rheingau Musik Festival in der Basilika von Kloster Eberbach in seine 29. Saison der 153 Konzerte an 43 Spielstätten. Von Klaus Ackermann 

Schon traditionell eröffnete das hr-Sinfonieorchester die Festspiele, erhaben im Umgang mit sinfonischen Schwergewichten, die der international renommierte Christoph Eschenbach enervierend in Szene setzte, die Überakustik des säkularisierten Gotteshauses souverän nutzend. „Klanggewalten“ hat der freundliche ältere Herr am unteren Parkplatz auf seinen Plakatständer geschrieben. Wobei es offen bleibt, ob er den friedlich demonstrierenden Fluglärmgegnern beisteht oder den gleichnamigen Schwerpunkt des Festivals mit Meilensteinen der Musikgeschichte propagiert. Sei’s drum – Klangkraft entwickelte der Star-Dirigent, nach 19 Jahren erstmals wieder am Pult der hr-Sinfoniker, bei Schuberts Sinfonie Nr. 7 h-Moll auf sehr subtile Weise.

Schon in der tiefdunklen Einleitung von Celli und Kontrabässen schafft Eschenbach einen magischen Moment. Gelassenheit hat hier höchste Priorität, alle Themen beginnen beim nahezu hypnotisch einstimmenden Weltstar betont leise, um ihre melodiöse Schönheit in aller Ruhe zu entwickeln. Dem gegenüber stehen orchestral hochgepuschte Motivfetzen, die im starken Nachhall des Kirchenschiffs wie der Aufschrei einer gequälten Seele anmuten.

Wundersam dann der Gesang von Oboe und Klarinette im Andante con moto, der dem Melodienerfinder Schubert einmal mehr ein Denkmal setzt. Verschnitten mit einem Trauermarsch von kammermusikalischer Dezenz, der in ein geheimnisvolles Streicher-Unisono mündet. Final partizipiert man an Schuberts schöner Gedankenwelt, der Eschenbach und die hr-Sinfoniker seelische Tiefe geben: Auch diese „Unvollendete“ ist vollendet.

Bruckner hat seine Sechste „die Keckste“ genannt, hat den monumentalen Klangpfeilern, den choralartigen Nebengedanken zwar nicht abgeschworen, aber die orchestrale „Orgel“ neu registriert. Eschenbach verfolgt hier in Sachen massivem Blech und nachhaltiger Streicheridylle ein stringentes Kontrastprogramm – und nutzt den Nachhall für schneidende Blechbläser-Akkorde, die sekundenlang im Raum stehen. „Sehr feierlich“ kommt das Adagio daher, das bis zum breiten Finale einen expressiven Sog entwickelt, der selbst die Nebengeräusche des großen Auditoriums ausschaltet.

Zumindest bei Bruckner ungewöhnlich sind die irrlichternden Streicher im bizarr anmutenden Scherzo, dem vielgestaltiger Bläserklang gegensteuert. Das Finale ist strahlendes A-Dur in satten Farben, ein Rausch, der die angelegentlich autark wirkenden Streicher- und Bläserströme bündelt. Bruckner, Eschenbach und die hr-Sinfoniker – das ist Romantik mit dem Tiefenlot.

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