50 Jahre Star Trek

„Vision menschlicher Zukunft“

Jena - In Galaxien, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat, dringt die Crew der Enterprise vor – dabei ist die Fernsehserie zugleich Türöffner für philosophische Fragen, sagt der Philosophie-Professor Klaus Vieweg. Von Andreas Hummel

Wie wird ein Philosophie-Professor zum „Star Trek“-Fan?

Ich habe in den 90er-Jahren die ersten Episoden gesehen. Meine Tochter hat das geschaut, und als Eltern sollte man ja ab und an ein Auge darauf werfen, was seine Kinder im Fernsehen gucken. Dabei ist mir rasch die philosophische Dimension der Serie klar geworden.

Welche philosophischen Positionen werden denn verhandelt?

Das ist ein ganz breites Spektrum: Von der Idee des Universalismus, über Gedanken von Freiheit und Gleichheit sowie ethische Fragen wie: Ist das Glück vieler mehr wert als das Glück eines Einzelnen? Hierbei werden etwa Ideen Kants behandelt. Auch die Überwindung des Teufelskreises von Rache und Krieg ist ein Thema, die Lüge und die Freiheit des Willens.

Als Prototyp für Vernunft und Logik fällt einem von der Crew als erstes der Vulkanier Spock ein.

Spock ist für mich der unumstrittene philosophische Kopf von Star Trek. Er ist der logisch-rationale Denker. Sein Spruch „Die Logik ist der Anfang aller Weis- heit“ ist ein Satz, den auch der Philosoph Hegel voll unterschreiben kann. Hegels Philosophie ist für die Serie zentral. Er hat sein Jenaer Meisterwerk „Phänomenologie des Geistes“ selbst als Entdeckungsreise ins Wissen bezeichnet. Die Mission der Enterprise-Crew ist auch eine Entdeckungsreise ins Wissen – es geht darum, Wissen zu sammeln über andere Welten und Kulturen.

Gibt es für Sie als Philosophen eine Lieblings-Episode?

Ja, die Folge „The Apple“ – im Deutschen „Stunde der Erkenntnis“. Da geht es um das Problem des freien Willens. Die Enterprise trifft auf eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sind glücklich, gesund, unsterblich sogar. Aber sie werden von einer bestimmten Macht beherrscht. Die Frage ist nun: Darf die Enterprise von außen eingreifen und so etwas wie den Gedanken des freien Willens vermitteln. Der englische Titel ist natürlich eine Anspielung auf die biblische Geschichte von Adam und Eva und den Apfel der Erkenntnis.

Mitten im Kalten Krieg und zu Zeiten, als in den USA Schwarze noch für gleiche Rechte kämpfen mussten, gehören zur Kommandobrücke der Enterprise auch eine Afro-Amerikanerin und ein Russe.

Dem Schöpfer der Serie, Gene Roddenberry, ging es darum, der eigenen Zeit den Spiegel vorzuhalten. Und hier kommen die Ideen von Gleichheit und Universalismus zum Vorschein. Mit Mr. Spock gehört auch ein Halb-Mensch zur Kommando-Ebene. Hier wird vorgeführt, dass auch andere Wesen mit freiem Willen uns gleich sind.

Das Leben in der Welt der Enterprise erscheint wie eine marxistische Utopie. So gibt es bei Kirk, Spock und Co. kein Geld.

Star Trek ist eine optimistische Vision menschlicher Zukunft. Das Auskommen ohne Geld bezieht sich auf frühneuzeitliche Denker wie Thomas Morus, marxistische Gedanken sehe ich nicht. Es wird ein Freiheitsverständnis im Sinne von Kant und Hegel deutlich. Es geht um Autonomie und Selbstbestimmung, in vielen Episoden von Star Trek tritt die klare Distanzierung von totalitären und diktatorischen Zuständen hervor.

Taugt die Serie als philosophisches Proseminar?

Natürlich haben nicht alle Episoden so eine philosophische Tiefe, das kann man von einer Fernsehserie nicht erwarten. Ich habe aber im Sommersemester ein Seminar zur Philosophie in Star Trek gehalten – damit haben wir uns ein ganzes Semester lang beschäftigt.

Ein wichtiges Element von Science Fiction ist die Faszination für Technik. Würden Sie sich gern an einen anderen Ort beamen lassen?

Ich musste einmal 14 Stunden von Südamerika nach Deutschland fliegen – da hätte ich mir das gewünscht. Aber das Beamen halte ich als Hegelianer nicht für möglich: Ein lebendiges Wesen in seinen Bestandteilen auseinandernehmen und dann wieder zusammenfügen. Selbst wenn das physisch gelänge – der Mensch besteht ja nicht nur aus seinen einzelnen Zellen. Was ist mit unserem Denken, mit unserem Geist? Es erscheint mir nicht möglich, ein Wesen auch in dieser Hinsicht wieder so zu konstituieren, dass es dasselbe ist wie zuvor. (dpa)

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