Strategie oder pures Glück?
105.02.10|Allgemein|Facebook
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Offenbach - Der Puls geht schneller, mit schweißnassen Händen erwartet Pierre nervös die letzte und entscheidende Karte, im Poker-Jargon „River“ genannt: Ein Herz-König kommt, Pierre flucht laut. Von Niels Britsch

© Pixelio
Eine Neu-Isenburgerin hat sich sogar bis zur Weltmeisterschaft gezockt.
Aus. Vorbei, alles gesetzt („All in“) und alles verloren trotz eines König-Drillings, doch die Straße (9, 10, Bube, Dame, König) ist das bessere Blatt. Beim Poker ist jedoch „alles“ relativ, es bedeutet lediglich, dass Pierre sämtliche Chips setzte, die er noch besaß (und die – in dieser Runde zumindest – ursprünglich einem Gegenwert von 15 Euro entsprachen). Einmal in der Woche treffen sich Pierre und seine Kumpels zum Pokern, sie sind Studenten, Ingenieure, Geschäftsleute, Kellner und Pädagogen.
Durchschnittlich 2000 Euro im Monat
Ihre Namen wollen sie nicht nennen und auch sonst keine personenbezogenen Angaben machen: „Pokern gilt als Glücksspiel und ist damit illegal, wir wollen gar nicht erst auf uns aufmerksam machen“, begründet Uwe lapidar die Einsilbigkeit der Zocker. Die jungen Männer fühlen sich kriminalisiert, ihre Sorge bezieht sich jedoch nicht auf die kleine Hobbyrunde: Denn während sie sich hier zum Spaß treffen und um kleine Beträge spielen, finanzieren sich einige von ihnen den momentanen Lebensunterhalt beim Online-Poker.
© PixelioSoraya Homam ist am 13. Februar im DSF beim Pokern zu sehen.Zwei bis dreimal wöchentlich spiele er online, schätzt Uwe. Der Student gewinnt eigenen Angaben zufolge durchschnittlich 2000 Euro im Monat – „mit Erfahrung, Geduld und aggressivem Spiel“, wie er seine Strategie beschreibt. „Außerdem ist es wichtig, die Gegner einzuschätzen und sich ein wenig mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung vertraut zu machen.“ Sein Wissen über Poker hat er sich unter anderem auch mit der Lektüre von entsprechenden Büchern angeeignet.
Das Poker-Geschäft boomt, in Supermärkten und bei Discountern werden Spielekoffer für einen günstigen Preis verkauft und zahlreiche Online-Anbieter setzen weltweit Milliarden von Euro jährlich um. Auch in Deutschland nutzen immer mehr Menschen Portale wie „Pokerstars“, „Partypoker“ oder „Fulltilt-Poker“. Laut Umfragen spielen ungefähr eine Million Bundesbürger Poker, 430.000 davon online - obwohl in der Bundesrepublik laut Glücksspielstaatsvertrag (GlüStV) Spiel- und Wettaktivitäten (mit einem Entgelt als Einsatz) nur in staatlich lizensierten Betrieben erlaubt sind – und Poker gilt laut Gesetz als Glücksspiel (siehe untenstehenden Bericht).
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Die Onlinepoker-Anbieter werben mit Stars wie Boris Becker und Stefan Raab, oder mit Poker-Profis wie Soraya Homam: Die 48-Jährige aus Gravenbruch ist über Schach zum Pokern gekommen, sie sieht Parallelen zwischen dem Kartenspiel und dem Spiel der Könige. 2000 holte sie einen Europameistertitel und 2008 gewann sie die Poker-Weltmeisterschaft der Frauen. Seit 20 Jahren ist sie leidenschaftliche Pokerspielerin, drei- bis viermal in der Woche geht sie ins Kasino. „Ich würde mir wünschen, dass Pokern dieses negative Image verliert“, sagt sie.
Denn viele Pokerspieler – Profis und Amateure – kritisieren, dass Poker als Glücksspiel gilt und sie somit als „Zocker“ verschrien sind. Für sie ist Pokern mehr ein Sport: Erfahrene Spieler können den Glücksanteil auf 20 Prozent minimieren, glaubt Uwe. Der Rest bestehe aus Taktik und Strategie. „Wer einmal gewinnt, kann Glück haben, wer oft gewinnt, ist ein guter Pokerspieler.“ Auch Soraya Homam beschreibt Pokern „als ein Geschicklichkeitsspiel, das strategischen Denkens bedarf“. Mit den strengen Gestzen hat sie kein Problem: „Ich habe mich damit arrangiert, wir spielen ja freiwillig. Der Gesetzgeber schreibt das so vor, daran halte ich mich.“
Suchtpotenzial schätzt Uwe als gering ein
Uwe findet die rechtliche Grauzone des Online-Pokerns in Ordnung: „Wenn es legal wäre, müsste ich am Ende noch Steuern zahlen.“ Sein Kumpel Pierre dagegen hätte gerne rechtliche Sicherheit: „Wenn es legal wäre, könnte man Gewinne versteuern und Einsätze von der Steuer absetzen.“ Mit den Einnahmen könne der Staat dann viel effektiver Projekte zur Suchtprävention finanzieren. Er vermute sowieso, dass der Staat mit dem Monopol auf zusätzliche Einnahmen spekuliere, so Pierre. Das Suchtpotenzial schätzt Uwe als gering ein. „Entweder man ist gut – und erfolgreich, oder man verliert schnell wieder die Lust, wenn es nichts zu holen gibt.“
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