Mühlheimer Adventsgemeinde stattet Flüchtlingskinder für großen Tag aus

Einschulung: Bloß nicht ohne Schultüte

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Mühlheim - Einschulung ohne Schultüte? Undenkbar! Auch für die Kinder von Flüchtlingen. Mühlheims Adventsgemeinde hat also die Traditionskegel gepackt und den Nachwuchs für den großen Tag heute gerüstet. Von Stefan Mangold 

Gemeindemitglied Lorita Sebastian und Julia Sittinger vom Kreis Offenbach hatten die Aktion im Vorfeld abgestimmt. Eine Geschichte wie diese zeigt den Unterschied zum Ungeist der 60er und 70er Jahre, als Deutschland hunderttausende Gastarbeiter ins Land holte, sich aber niemand strukturell darum kümmern mochte, wie die Fremden hierzulande zurecht kommen sollen. In dem Kontext ist es keineswegs nur ein symbolischer Akt der Mühlheimer Adventsgemeinde, Schultüten zu verschenken. Zum Premierentag in der ersten Klasse ohne eine zu erscheinen, gehört zu den Außenseiter-Erlebnissen, die ein Leben in Erinnerung bleiben. Lorita Sebastian erzählt vom Brauch in Deutschland, zur Einschulung mit der Tüte im Arm durchs Tor zu gehen. Der Syrer Hady Hassrouny (29), aktives Mitglied in Mühlheims Freiwilliger Feuerwehr, übersetzt ins Arabische, Ahmadullah Zarif (41) ins Dari, das neben vielen Afghanen auch die Iraner verstehen.

Der Wirtschaftswissenschaftler Hassrouny floh im September 2014 nach Deutschland, der Jurist Zarif stieg mit Frau und vier Kindern vor 14 Monaten in Kabul in den Flieger Richtung Europa. In seiner Funktion als Richter in der im Osten des Landes gelegenen Provinz Lugar bedrohten Taliban und Mafia-Klans sein Leben. Der Mann lernte binnen weniger Monate beachtlich gut Deutsch und ist stolz darauf, dass seine 18-jährige Tochter auf der Käthe-Kollwitz-Schule in Offenbach auf dem Weg zum Abitur beste Noten schreibt.

Bis dahin dauert es für die acht Kinder noch ein paar Jahre, denen Lorita Sebastian die Schultüten überreicht. Als Vertreterin für die Flüchtlingshilfe des Kreises Offenbach erscheint Julia Sittinger von der Arbeiterwohlfahrt, die im Vorfeld mit Sebastian das Prozedere besprochen hat. Anschließend gibt es Kaffee und Kuchen. „Garantiert ohne Gelatine“, lässt Gemeindemitglied Hanna Wagner für die Eltern übersetzen. Gelatine wird aus Proteinen vom Schwein hergestellt. Die meisten Kinder stammen aus dem islamischen Kulturkreis.

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Am Rande erzählt der frühere Gemeindepfarrer Gerhard Wagner, Gatte von Hanna Wagner und Vater von Lorita Sebastian, von den Glaubensgrundsätzen der Adventisten, die ihre Gottesdienste am Samstag feiern, dem biblischen Ruhetag. Zumindest in einem Punkt ähnelt der Alltag der Adventisten dem gläubiger Muslime: Beide trinken keinen Alkohol. Die Adventisten jedoch zum eigenen Wohlbefinden, nicht aus der Bibel abgeleitet, was ja auch schwerfiele. Außerdem wandelte Jesus Wasser bekanntlich zu Wein. Dessen erwartete Wiederkehr steht im Zentrum des Glaubens. Für die Muslime ist Jesus zwar einer der wichtigsten Propheten und auch im Koran als Sohn einer Jungfrau geboren. Göttliche Eigenschaften fehlen ihm jedoch.

Gemeindepfarrer Ljubo Jelic, der aus Kroatien stammt, spricht von der Notwendigkeit, die deutsche Sprache zu lernen und sich auf den anderen Lebensstil einzulassen, „dazu gehören auch die Schultüten“. In seinen Worten können sich die Vertreter aller abrahamitischen Religionen wiederfinden: „Möge Gott mit seinen Engeln unsere Kinder beschützen“. Lorita Sebastian weist noch auf einen Fauxpas hin, den es zu vermeiden gilt: „Die Schultüten dürft ihr erst am Dienstag zu Hause nach der Schule öffnen.“

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