Sitzung beim Karneval-Klub Disharmonie

Prickelnd und politisch

Kunterbunt und erotisch einwandfrei: Die „Heusendales“ heizten den Besuchern der Disharmonie-Sitzung kräftig ein.
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Kunterbunt und erotisch einwandfrei: Die „Heusendales“ heizten den Besuchern der Disharmonie-Sitzung kräftig ein.

Heusenstamm - Was haben Heusenstamm und Hamburg gemeinsam? Schillernde Damen, die auf blankgeputzten Bühnen Polonaise tanzen. Und Beifall-Stürme, bis die Hände schmerzen. Von Jürgen Roß

In der fast ausverkauften TSV-Maingau-Halle feierte der Karneval Klub Disharmonie (KDD) die fünfte Jahreszeit. Das Motto: „Reeperbahn – Große Freiheit Nr. 11“. Die Saal-Fastnacht beschließt in Heusenstamm traditionell der Karneval Klub Disharmonie. Beim Kampagnen-Zieleinlauf der besonderen Art schunkelte sich der Verein mit Gästen an die Reeperbahn. Mechtild Kilian-Schädlich und Dieter Heberer führten als Sitzungspräsidenten durch das farbenfrohe Programm. Den Auftakt in der TSV-Halle macht der Nachwuchs des KKD. Zur Musik der Back-street Boys zeigt die Jugendshowtanzgruppe als „Lollypop Dancers“ ihr Können und darf die Bühne erst nach einer Zugabe verlassen.

Danach wird es kommunalpolitisch: Der Heusenstammer Stadtstreicher, alias Reiner Lentz, lässt das vergangene Jahr Revue passieren und greift brisante Themen auf: Die Sanierung des Bahnübergangs an der Frankfurter Straße steht ebenso in der Kritik wie der „Ortsschildtausch“, bei dem eines Tages plötzlich „Dietzenbach“ am Heusenstammer Ortseingang stand. Hart ins Gericht geht der Karnevalist mit der CDU, die seiner Ansicht nach in der Vergangenheit vieles blockiert hat. Auch Alt-Bürgermeister Peter Jakoby bleibt Kritik nicht erspart: „Der Reifen-Baake ist noch lange nicht fort“, verkündet Lentz. Aktuell werde das Supermarkt-Modell erst geprüft. Sollte der Plan scheitern, wäre dann der neue Bürgermeister schuld. Halil Öztas bleibt von der beißenden Kritik verschont: „Den Halil zieh ich nicht durch den Schmutz, der genießt bei mir noch Welpenschutz“. Mit kabarettistischer Kritik geht es weiter. Nun müssen die Funkekanöncher einige böse Spitzen aushalten, weil es in diesem Jahr kein Prinzenpaar gibt. Als Entschädigung betreten drei Schönheiten der KKD die Bühne, die bei einem Prinzencasting in europäischen Adelshäusern ihre Pleite erlebt haben und nun die Herrschaft selbst in die Hand nehmen wollen. Ihnen folgen junge Matrosinnen, die unter der Leitung von Jana Heber eine schwungvolle Choreografie präsentieren.

Den Auftritt der „Söhne Heusenstamm“ begleiten kreischende Groupies in den hinteren Reihen. Die drei jungen Nachwuchsmusiker rocken den Saal, bevor der „Integrationsbeauftragte“ Dirk Reiser seinen Vortrag hält. Er beginnt mit Kanzlerin Angela Merkels: „Wir schaffen das“. Positive Grundstimmung sei schließlich wichtig, um etwas erreichen zu können. Er zählt Beispiele auf, die Zuhörer antworten donnernd mit: „Wir schaffen das!“ Erst beim Vorschlag, Heusenstamm und Obertshausen zu einer Großgemeinde zusammenzulegen, gesteht Reiser: „Integration hat auch Grenzen“.

Alles zur Fastnacht in der Region

Auch greift er die aktuelle politische Situation in Deutschland auf: „In Sachsen ist für manchen Flüchtling das Herkunftsland sicherer als das Ankunftsland“. Die deutschen Werte, witzelt der Integrationsbeauftragte, seien im vergangenen Jahr durch große Unternehmen deutlich geworden: „Ehrlich wie der DFB, sauber wie VW, gut organisiert wie der Berliner Flughafen und pünktlich wie die Bahn“. Das Flair der Hansestadt rückt wieder in den Mittelpunkt, als KKDler die „Hafenkneipe“ mit typischen Gestalten auf die Bühne zaubern. „Wir präsentieren das älteste Gewerbe der Welt und haben sogar Gründungsmitglieder dabei“, scherzt Sitzungspräsident Dieter Heberer.

Richtig auf Hochtouren kommen die Narren nach der Pause. Zehn junge Männer in Straßenarbeiter-Kleidung präsentieren eine hervorragende Trommelperformance auf Mülltonnen. Der „Heusenstammer Polizist“ Ralf Rebel berichtet anschließend von seinem Dienst in der Hamburger Davidswache, bevor die „Bauern“ mit einer Gesangseinlage das Publikum zum Toben bringen. Eine herausragende Tanzeinlage präsentiert das Gardetanzpaar Romy Schneider und Tim Deckert. Die beiden Rodgauer sind deutsche Juniorenmeister und Vize-Europameister.

Bilder: Sitzung des Karnevalklubs Disharmonie Heusenstamm

Vor dem Höhepunkt des Abends wird es noch einmal hochpolitisch: Der „Professor der Babbologie“, Thomas Hartmann, nimmt mit Blick auf die Kommunalwahl kein Blatt vor den Mund: „Die AfD ist keine Alternative für Deutschland und erst recht keine Alternative für Heusenstamm“. Für diese Feststellung bekommt er anhaltenden Applaus und Jubel. Und er legt nach, als er sich mit den „dürftigen und kruden“ Forderungen aus dem Wahlprogramm beschäftigt. Sein Fazit lautet: „AfD heißt nichts anderes als ‘Auffanglager für Dummbeutel’ – das sind geistige Brandstifter“. Das geforderte „Ende des Multikulti“ sei in Heusenstamm ohnehin nicht denkbar: „Hier leben Menschen aus Syrien, Afghanistan und Obertshäuser“. Auch der neue Bürgermeister sei schließlich ein Beispiel für Integration: „Der Halil Öztas ist Multikulti, der kommt aus Frankfurt und hat Wurzeln in Tirol: Sein Vorfahre ist der Ötzi“. Der einzige Unterschied sei, dass Halil nicht so verschrumpelt aussehe. Mit dem Männerballett „Die Heusendales“ endet die Sitzung. Die zehn Oberweiten-Wunder zeigen sich nicht nur in farbenfrohen Kostümen – sie bringen das Publikum auch noch einmal in Stimmung.

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