Unkontrollierbare Tabubrüche

Cannabis gegen das Tourette-Syndrom

Benjamin Jürgens und seine Freundin Edyta Gajda. Im Rückblick finden sich die ersten Anzeichen für das Tourette-Syndrom in seiner Kindheit. Die Diagnose kam erst viel später. Foto: Mangold
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Benjamin Jürgens und seine Freundin Edyta Gajda. Im Rückblick finden sich die ersten Anzeichen für das Tourette-Syndrom in seiner Kindheit. Die Diagnose kam erst viel später.

Offenbach - Wen das Tourette-Syndrom plagt, für den wird jede Fahrt im Bus, jeder Gang durch die Stadt zum Spießrutenlauf. Die Betroffenen können Zuckungen und verbale Ausbrüche so wenig kontrollieren, wie Gesunde beim Schluckauf den „Hicks“. Von Stefan Mangold

Den meisten dürfte daran liegen, dass der Blick ins eigene Ich versperrt bleibt. Unschön wirkt der Gedanke, jeder wüsste, was einem während des Gesprächs mit Kollegen oder der Frau an der Supermarktkasse gerade durchs Hirn geistert. Benjamin Jürgens hat keine Ahnung, warum er auf einer Beerdigung „endlich ist er tot“ rief. Er habe den Verstorbenen gemocht, erinnert sich der Hilfsaltenpfleger, der nach dem Fauxpas zum Gespräch mit dem Altenheimleiter gebeten wurde. Der gab ihm Hausverbot.

Damals hatte der Frankfurter die Diagnose Tourette-Syndrom noch nicht auf dem Tisch liegen. Der französische Mediziner Georges Gilles de la Tourette dokumentierte im 19. Jahrhundert bei einer Patientin Zucken und verbale Ausfälle. Die rühren von einer Entwicklungsstörung des Nervensystems her, wie spätere Forschung ergab. Benjamin Jürgens begleiten ähnliche Symptome seit vier Jahren. „Von mir zu verlangen, ruhig zu bleiben, ist so, wie von einem Rollstuhlfahrer zu fordern, er soll aufstehen“, beschreibt der 34-Jährige seine Krankheit, die sich in sogenannten Tics auswirkt. Die lassen sich einem Gesunden am ehesten anhand des Schluckauf vermitteln. Der „Hicks“ lässt sich nicht verhindern.

Benjamin Jürgens erzählt von einer Straßenbahnfahrt, die er vor kurzem erlebte. Ein paar Sitze weiter sieht er eine Polizistin und denkt, „es darf nicht passieren“. Der Mann behält die Contenance, vorerst jedenfalls. Doch die Uniformierte steigt an der selben Haltestelle aus. Und dann geschieht es doch: Jürgens ruft „Bullenfotze“. Die Frau greift an den Pistolenhalfter, realisiert, dass der Typ nicht angreift und lässt die Geschichte auf sich beruhen. Ausgerechnet jetzt verlassen drei ihrer Kollegen den vorderen Wagen. Jürgens ist nun zu „getriggert“, um zu schweigen. „Noch drei Schlümpfe“ wirkt gegen die Obszönität zuvor zwar milde, reicht den Beamten aber, ihn zu durchsuchen. In der Tasche finden sie Marihuana. Die Geschichte, mit der Jürgens den Drogenfund erklärt, wollen die Ordnungshüter gerne genauer hören, aber auf der Wache.

Dass er anders ist, habe er früh bemerkt. So streckte er als Kind immer wieder den Hals so weit nach hinten, bis es schmerzte. Zudem wischte sich Benjamin ständig über den Kopf. Ein Verhalten, das auf Befremden stieß: „Ich wurde ausgegrenzt“, berichtet er. Langweilig sei ihm dennoch nie geworden: Bis heute könne er sich in Kleinigkeiten vertiefen, sich für die Struktur einer Pflanze begeistern oder auf der Wiese tobenden Hunden zuschauen.

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Jemand, der zum ersten Mal mit einem Tourettler redet, kann sich verunsichert fühlen: „Darf ich lachen oder nicht?“ Benjamin Jürgens leitet die Antwort auf eine Frage durch „geht dich gar nichts an“ ein, kommentiert das Streichen eines Wortes im Notizbuch seines Gegenübers mit „der kann nicht schreiben“. Der Humor liegt im Mix aus Tabubruch und der Wahrheit des Moments.

Die Tics können bedrohliche Folgen haben. Jürgens berichtet von einer jungen Frau, die mit Aussprüchen wie „da kommt ein Neger“ und mit massiver Koprolalie kämpft. Ein Begriff, der für das Verwenden sozial deplatzierter Wörter steht. Die meisten verbinden das Tourette-Syndrom mit dem Ausstoß von Obszönitäten. „Das betrifft jedoch nur etwa 20 Prozent“, zitiert Jürgens die Statistik. Egal was Tourettler formulierten, „aggressiv ist das nie gemeint“.

Das sieht aber nicht jeder so. Drei junge Männer fühlten sich einmal durch sein Tic-Lachen beleidigt. Die Situation ließ sich auch nicht entschärfen, als er erklärte, „das kommt durch meine Behinderung“. Wer mit dem drahtigen Mann jedoch den physisch ausgetragenen Disput sucht, zieht auch in Überzahl den Kürzeren. Seit der Jugend trainiert Jürgens Kung Fu. Die Sportart wählte er keineswegs, um sich nach Missverständnissen behaupten zu können. Während des Trainings pausieren seine Tics, ebenso, wenn er zur Gitarre singt oder in seinem Beruf ältere Menschen hebt. Und jeden interessiere doch, wie der Geschlechtsverkehr bei ihm funktioniere, „kein Tourettler tict beim Sex“.

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Zwischendurch geht Jürgens vor die Türe, um einen Joint zu rauchen.  An seiner Ausbildungsstelle als Altenpfleger wissen alle Bescheid. „Tourettler reagieren auf Haschisch anders.“ Die Wirksubstanz Tetrahydrocannabinol sorgt bei ihm für eine leichte Dämpfung seiner Tics, führt jedoch zu keinem Rausch: „Cannabis ist das einzige Medikament, das mir hilft.“ Das erklärte Jürgens auch auf der Polizeiwache, wo er ein Schreiben über die medizinische Indikation seiner Neurologin Dr. Kirsten Müller-Vahl vorlegte. Die Professorin der Medizinischen Hochschule Hannover sitzt im Vorstand der „Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin“. Die Fachärztin gehört keineswegs zu den Apologeten, die behaupten, Cannabis nutze bei jeder x-beliebigen Krankheit. Müller-Vahl betont jedoch, bei manchen ihrer Tourette-Patienten habe keine Arznei etwas gegen die Tics gebracht, „ein Joint aber schon“. Juristisch bewegt sich Benjamin Jürgens, der sich in einer Selbsthilfegruppe engagiert, die sich in Offenbach trifft, in einer Grauzone. Ärzten fehlt die Handhabe, Cannabis zu verschreiben: „Die Hälfte meines Lehrgelds trage ich zum Dealer.“

Depressiv wirkt Jürgens, der nach dem Ende seiner Ehe wieder mit einer Frau zusammen lebt, trotz der Krankheit nicht. Über seine Tics lacht er: „Verstecken spielen kann ich nicht.“

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