St. Sebastian Dietesheim, St. Lucia Lämmerspiel, jetzt zusätzlich Dekan: Pfarrer Willi Gerd Kost im Interview.

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    • 04.06.13
    • Mühlheim
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Der Glaube verdunstet

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Mühlheim - Pfarrer Willi Gerd Kost war in den vergangenen Wochen ein Problem für unsere Zeitung. Inhaltlich kein bisschen, als Fotomotiv dafür umso mehr. Es gab eine ganze Kollektion von Bildern mit dem Mann, die ins Blatt drängten, aber gut verteilt werden wollten.

Pfarrer Willi Gerd Kost

© Mangold

Pfarrer Willi Gerd Kost betreut schon zwei Gemeinden. Für die nächsten fünf Jahre agiert er zusätzlich als Dekan.

Der Pfarrer bei Scheckübergaben für die Dietesheimer St. Sebastian-Sanierung, der Pfarrer mit Firmlingen, der Pfarrer bei seiner Ernennung zum Dekan, der Pfarrer beim Lämmerspieler St. Lucia-Entenrennen. Allein: Gegen die Flut von Aufgaben, die auf immer mehr Geistliche in Zeiten der Personalknappheit einstürmt, war das noch eine überschaubare Herausforderung. Hier also noch ein Foto von Willi Gerd Kost - zum Interview, das unser Mitarbeiter Stefan Mangold mit ihm führte.

Wollten Sie als Kind schon Priester werden?

Willi Gerd Kost: Ja und Nein. Ich hatte kein „Damaskuserlebnis“. Vom Saulus zum Paulus mutierte ich nicht. Ich wuchs mit meinen beiden Geschwistern in einem katholischen Elternhaus in Budenheim bei Mainz auf. Die Kirche war immer ein wichtiger Teil in meinem Leben. Ich war Ministrant und sang im Kirchenchor.

Sprach etwas gegen den Beruf?

Willi Gerd Kost: Eigentlich nichts. Durchs Elternhaus bekam ich ein positives Bild von Familie vermittelt. Ich hätte mir auch gut vorstellen können zu heiraten und eigene Kinder zu haben. Ich wollte aber immer einen Beruf ausüben, in dem ich mit Menschen zu tun habe und der sehr abwechslungsreich ist, etwa im pädagogischen Bereich.

Um dann doch Priester zu werden....

Willi Gerd Kost: Was mit einem jungen Kaplan zusammenhing, der damals bei uns in der Gemeinde anfing. Durch ihn konnte ich mir den Beruf des Priesters lebendig vorstellen. Dazu kam, dass ich als Laie gerne vieles in der Kirche übernommen hätte, wie etwa den Kommunionunterricht, Lektorendienst, Pfarrgemeinderat, das Orgelspiel. Mit der Zeit wurde aus dem unvollständigen Mosaik also ein Bild. Mir wurde klar, du hängst so sehr an der Kirche, eigentlich könntest du Priester werden. Dieser Gedanke machte mich innerlich froh. Dazu kam noch die Ermutigung von Freunden, die mir diesen Weg zutrauten.

Nur noch wenigen jungen Männern geht es heute ähnlich. Sonst müssten sie als Seelsorger nicht zwei Gemeinden betreuen., St. Sebastian Dietesheim und St. Lucia Lämmerspiel.

Willi Gerd Kost: Der Priestermangel ist ein großes Problem. Als ich mit dem Studium anfing, atmete ich erst mal durch. Ich fühlte mich mit meinem Berufswunsch nicht mehr als Exot. Mit mir begannen 25 Kommilitonen im Priesterseminar in Mainz, im September 1984. Insgesamt wohnten dort etwa 130 Studenten.

Wer heute anfängt, fühlt sich im Seminar wieder exotisch?

Willi Gerd Kost: Zumindest bewegt er sich unter relativ wenig Gleichgesinnten. Insgesamt leben zurzeit im Mainzer Priesterseminar etwa zwanzig Kandidaten in der Gemeinschaft.

Rührt der Rückgang vom Zölibat?

Willi Gerd Kost: Nicht nur. Schwankungen gab es schon immer. Gründe sind unter anderem die geburtenschwachen Jahrgänge, eine schleichende Abnahme der Religiosität in unserem Land, die Angst, sich an die Kirche ein Leben lang zu binden. Oder auch die Unsicherheit, wie sich das Bild des Priesters in Zukunft entwickeln wird und die Frage „Kann ich zu dieser Kirche im Jahr 2013 Ja sagen?“ Religion wird immer mehr zur Privatsache. Sie verliert ihre prägende Kraft. Ohne großen Knall, sondern sukzessive. Der Glaube verdunstet.

Muss ein Pfarrer heute doppelt so viel arbeiten wie früher, oder fallen auch mal Aufgaben weg?

Willi Gerd Kost: Aufgaben müssen heute anders angegangen werden. Wo kann man Kräfte bündeln? Was muss unbedingt der Pfarrer machen und was nicht? Das Ehrenamt ist im Gemeindeleben heute sehr stark gefragt. Früher gab es in Lämmerspiel und Dietesheim neben den beiden Pfarrern zwei hauptamtliche Mitarbeiter. Heute ist das nur noch einer. Was früher vier erledigt haben, übernehmen heute zwei.

Und welche Aufgaben entfallen?

Willi Gerd Kost: Das muss etwa im Pfarrgemeinderat besprochen werden. Was ist unverzichtbar? Was gehört zu unserem Kerngeschäft? Was muss nicht mehr unbedingt ein Priester machen?

Zum Beispiel?

Willi Gerd Kost: Früher haben nur Pfarrer Kranken die Heilige Kommunion gebracht. Heute dürfen das auch ehrenamtliche Kommunionhelfer und –helferinnen. Ich halte das für eine gute Sache. Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Kirche kommen kann, der wird von der Kirche zu Hause besucht.

Und jetzt haben Sie noch einen dritten Job. Sie sind Dekan geworden. Hätten Sie sich dem Befehl aus Mainz widersetzen können?

Willi Gerd Kost: Nicht jeder Vorgang in der katholischen Kirche beruht auf Weisung von oben. Ich konnte mir die Aufgabe als Dekan gut vorstellen, ich habe mich gestellt und wurde dann auch gewählt.

Von wem?

Willi Gerd Kost: Von der Dekanatsversammlung des Dekanates Rodgau. Der gehören sowohl die amtierenden und pensionierten Pfarrer als auch hauptamtliche Mitarbeiter und sämtliche Vorstände der Pfarrgemeinderäte an. Die Amtszeit beträgt fünf Jahre. Wenn in einer Pfarrei ein neuer Pfarrer eingeführt wird, ist das die Aufgabe des Dekans. Wenn es Probleme in einer Pfarrgemeinde gibt, stehe ich als Ansprechpartner zur Verfügung. Dazu kommen noch eine Reihe von Sitzungen, Konferenzen und Aufgaben außerhalb der Pfarrei.

Warum halsen sie sich das noch auf?

Willi Gerd Kost: Weil ich das für eine sinnvolle und lohnenswerte Arbeit halte. Das Dekanat steht zwischen Pfarrei und Bistum. Wenn es um neue Strukturen geht, kann der Dekan mitgestalten und somit die Zukunft des Dekanates positiv mit beeinflussen. Außerdem gewähren mir meine beiden Pfarreien St. Lucia und St. Sebastian den nötigen Freiraum, um diese Aufgaben zu erfüllen.

Kann auch der Glaube eines Pfarrers verdunsten?

Willi Gerd Kost: Der Glaube kann durchaus schwanken. Auch Pfarrer hadern mit Gott. Wenn du von Eltern kommst, die ein Kind verloren haben, stellt sich auch mir die Frage, warum lässt Gott das zu? Dazu kommen immer wieder Enttäuschungen, Missverständnisse, Ärger. . . . Aber Gott sei Dank, überwiegen bei weitem die positiven Erlebnisse, die den Glauben immer wieder stärken und ermutigen, dem Weg treu zu bleiben.

Haben Sie schon mal einen Kollegen erlebt, der aufhörte, weil er seinen Glauben verlor?

Willi Gerd Kost: Das ist sehr schwer zu beantworten. Wenn Mitbrüder ihren priesterlichen Dienst aufgeben, hat das viele, auch sehr persönliche Gründe.

Welche genau?

Willi Gerd Kost: Als Pfarrer ist man zum Beispiel eine Person, die im öffentlichen Leben steht. Da kommen schon mal Kommentare wie „Es wurde bei ihnen aber spät gestern“, wenn nach Mitternacht noch Licht brannte. Oder: „Ihr Auto stand doch vor dem Pfarrhaus, aber es ging niemand an die Tür.“ Viele Mitbrüder wünschen sich Zeiten und Orte, in und an denen sie ganz privat „einfach Mensch“ sind.

Wie geht es eigentlich mit der renovierungsbedürftigen Kirche in Dietesheim weiter? Geld auch vom Bistum ist ja nun erstmal zugesagt.

Willi Gerd Kost: Sie wird renoviert. Voraussichtlich geht es nach den Sommerferien los.

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Kommentare

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IvicaMarjanovic05.06.2013, 12:37
(1)(0)

So verdunstet der Glaube rhytmisch. Ein Angriff auf die katholische Kirche und die Darstellung von Jesus als Zuhälter:

http://www.youtube.com/watch?v...

HMeyer04.06.2013, 06:25
(0)(0)

Vielen Dank für das Interview, war sehr interessant.

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