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Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Sportkreises und seinem Stellvertreter

„Ganztagsschulen töten die kleinen Klubs“

Offenbach ‐ Drohen im deutschen Schulsport bald anglo-amerikanische Verhältnisse, in denen die College-Teams das Maß aller Dinge sind und der Verein nicht mehr allzu viel Bedeutung besitzt? Gerhard Liebermann will das nicht ganz ausschließen. Von Holger Appel

Tanz-AG, TV Dreieichenhain

© Leo Postl

Eins, zwei, Wechselschritt. Ein Foto aus der Tanz-AG beim TV Dreieichenhain.

Deshalb setzt der stellvertretende Vorsitzende des Sportkreises Offenbach, zuständig für den Bereich Schule und Sport, alle Hebel in Bewegung, um das zu verhindern. Gemeinsam mit dem Sportkreisvorsitzenden Peter Dinkel aus Hainburg.  Dinkel sagt: „Die Ganztagsschulen nach unserer Interpretation werden sich durchsetzen. Das geht in der heutigen Zeit gar nicht mehr anders. Meist müssen Väter und Mütter angesichts der hohen Lebenshaltungskosten gemeinsam arbeiten. Und die Frauen, die studiert haben, wollen doch auch nicht hinter dem Herd verkommen und nur für die Erziehung der Kinder herhalten. Volkswirtschaftlich gesehen sind die Ganztagsschulen der einzig richtige Weg.“ Mit gewaltigen Auswirkungen auf den Sport, wie er versichert.

Liebermann, Vorstandsmitglied des 1 600 Mitglieder starken TV Dreieichenhain (TVD), ergänzt: „Zum Glück sind Ganztagsschulen bis auf eine Ausnahme noch gar nicht voll entwickelt, sonst hätten die Vereine ganz massive Probleme. Wenn die Ganztagsschulen kommen, müssen die Klubs vorbereitet sein. Wenn die Kinder bis abends in der Schule sind, haben sie weder Zeit noch Lust, sich in einem Sportverein zu integrieren. Deshalb müssen die Klubs schon jetzt in die Schulen gehen und die Kinder für den Verein und für den Sport begeistern.“

Empfang mit ablehnenden Sprüchen

Bei wem das gelinge, der werde automatisch auch in den Verein kommen, um den Sport weiter zu intensivieren. Die Vereine müssten mit ihren Angeboten jedenfalls fester Bestandteil der Ganztagsschulen werden, in sie integriert werden. Sie seien als Partner nötig. Als Partner auf Augenhöhe.

Gerhard Liebermann, Peter Dinkel© appGerhard Liebermann (links) und Peter Dinkel.

Liebermann war bereits erfolgreich in den Schulen - auch wenn er zunächst nicht mit offenen Armen empfangen wurde, sondern mit ablehnenden Sprüchen („Wollt ihr jetzt Vereinsmeierei in die Schule bringen?“). Inzwischen ist sein TVD aber in drei Dreieicher Schulen aktiv: in der Weibelfeld- und der Ludwig-Erk-Schule sowie der Strothoff International School - für ihn und Dinkel die einzige bereits bestehende Ganztagsschule im Kreis Offenbach. „Dort“, sagt Liebermann, „sind die Kinder tatsächlich von morgens bis abends. Alle anderen würde ich als Schulen mit Nachmittagsangeboten bezeichnen, die teilweise nur an zwei oder drei Tagen pro Woche stattfinden.“ Für mehr, weiß Liebermann, reichen an den staatlichen Schulen die Lehrkräfte zur Zeit nicht aus.

Sportangebote sind verknüpft mit pädagogischen Zielen

Der klassische Schulsport sei natürlich weiter Thema der Schule und nichts für die Vereine, versichert Liebermann, „wir wollen in den freiwilligen AGs sportliche Bewegung anbieten, Kinder zu uns holen, Bekanntes intensivieren und auch Sportarten anbieten, die sie an der Schule nicht machen können.“ Die Teilnahme wird bereits in den Zeugnissen vermerkt. Doch wie sieht das später in den Ganztagsschulen aus? Treten Trainer nicht in Konkurrenz zu den Sportlehrern? Was ist mit der Notenvergabe? Werden Vereinstrainer einbezogen? Fragen über Fragen - und keine Antworten. „Es gibt noch viel zu klären“, weiß Liebermann.

Fakt ist: Der TVD betreibt inzwischen acht Sport-AGs an der Weibelfeldschule, zwei an der Ludwig-Erk-Schule und eine an der Strothoff International School. Und zwar eine Tennis AG in englischer Sprache. Ansonsten bieten die Übungsleiter des TVD Beach-Soccer, Beach-Volleyball, Fußball, Hip-Hop, Petanque, Sportkegeln und Tanzen an. Diese Sportangebote sind verknüpft mit individuellen pädagogischen Zielen. „Viel hängt von den Schulleitern ab. Sind sie sportbegeistert, haben die Klubs gute Chancen, sich zu etablieren“, berichtet Dinkel und verweist auf Schulleiter wie Gerhard Kämmerer von der Weibelfeldschule (ein begeisterter Handballer) sowie Andreas Koini von der Strothoff International School, der einst als Volleyballer in der österreicherischen Bundesliga für die Sportunion Enns gespielt hat.

Nur große und starke Klubs werden sich behaupten

Liebermann hat bei seinen Besuchen in den Schulen aber auch einige Negativbeispiele erlebt. Mit Direktoren, für die der Sport „im zweiten Glied bestens aufgehoben“ ist, und mit Aushilfs-Sportlehrern, die mit einem Buch herumsitzen und die Kinder sich selbst überlassen. „Aber genau da müssen die Klubs mit ihren Übungsleitern ran und für Verbesserungen sorgen“, sagt Dinkel, wohl wissend, dass das keine leichte Aufgabe ist angesichts der ungewissen Kosten- und Personalfrage.

Beispiel: Der TVD hat 55 Übungsleiter in seinen Reihen - die meisten sind berufstätig und erst abends in der Lage, an den Schulen zu agieren. Das ist zu spät. Bleiben also nur Studenten, Rentner und Jugendliche, die ihr freiwilliges soziales Jahr im Sportverein absolvieren. Optimal, wenn sie lizenzierte Trainer sind. Dann aber kosten die Übungsstunden auch richtig viel Geld. Das Staatliche Schulamt gibt pro Stunde einen Zuschuss von acht Euro. Der Schulleiter kann zudem Sondermittel für lizenzierte Trainer beim Landessportbund beantragen. Den Rest der Vergütung müssen die Vereine übernehmen. Sie zahlen zudem meist noch für Ausbildung der Trainer.

Nächsten Donnerstag, 31. Dezember, lesen Sie: Ein Sportlehrer berichtet aus seinen Erfahrungen an einem Gymnasium.

Das können also nur größere Klubs wie der TVD leisten. „Ganztagsschulen töten die kleinen Vereine“, befürchtet Liebermann. Dinkel drängt umso mehr auf Kooperation oder Fusionen, wie zuletzt von TGM SV und TGS Jügesheim bekannt gegeben. Denn: Nur große und starke Klubs werden sich in der künftigen Sportlandschaft mit Ganztagsschulen behaupten. Liebermann: „Ansonsten schaufeln Schul- und Universitätsteams wie im anglo-amerikanischen Raum den Klubs ihr Grab. Dann bleibt für die Vereine nur Gesundheits- und Seniorensport. Das müssen wir verhindern, denn die Jugend gibt den Vereinen die Impulse und die Frische.“

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