Offenbach hat prozentual gesehenen die höchste Ausländerrate aller deutschen Städte. Fast die Hälfte der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, etwa 30 Prozent haben einen ausländischen Pass. Von Peter Schulte-Holtey
Hier leben mehr als 140 Nationen zusammen - friedlich, wie der Vorsitzende des Ausländerbeirats der Stadt, Abdelkader Rafoud, nicht müde wird zu betonen.
Fest steht ist für Rafoud, der seit fast 40 Jahren in Offenbach lebt und perfekt Deutsch spricht: „Integration ist ohne die deutsche Sprache nicht möglich.“ Bildung ein entscheidender Eckpfeiler. Aber auch da sei in den vergangenen Jahren in Offenbach viel geschehen, nicht nur bei den Kindern. Die Thesen Sarrazins würden unter den Migranten heiß diskutiert, sagt der Chef des Ausländerbeirats, viele seien entsetzt und schockiert.
Auch in der in Offenbach sitzenden Europa-Redaktion der türkischen Tageszeitung „Zaman“ beobachtet man die Diskussion aufmerksam, wie Kolumnist Ismail Kul berichtet. „Zaman“ ist die auflagenstärkste Zeitung in der Türkei, in Deutschland hat die Europa-Ausgabe jüngsten Zahlen zufolge etwa 27 000 Leser. Laut Kul, der das Sarrazin-Buch am Wochenende gelesen hat, wurde in der Europa-Ausgabe schon mehrfach über dessen Attacken geschrieben. In der Türkei selbst sei er aber kein Thema, dort dominierten innenpolitische Themen. Vehement spricht sich Kul gegen den Ausschluss des Bundesbankers aus der SPD aus. Es wäre für die Sache der Integration nicht hilfreich, wenn der Eindruck entstehe, da werde eine Meinung unterdrückt.
Mehmet Kuscu, in vielen gesellschaftlichen Bereichen engagierter Hanauer mit türkischer Herkunft, geht davon aus, dass die umstrittenen Thesen von Sarrazin bei türkischstämmigen Mitbürgern in der Region mit großer Empörung wahrgenommen wurden. „Auch ich persönlich finde diese Äußerungen zeitfremd“, erklärt der Diplom-Ingenieur auf Anfrage unserer Zeitung. „In der globalen Welt von heute müsste man doch eher Politikthesen finden, um die Integration nicht nur in der Politik - sondern auch in den Köpfen der Menschen - besser verständlich zu machen“, gibt Kuscu zu bedenken, der seit 33 Jahren in Hanau lebt und mit 17 nach Deutschland einwanderte. Vor allem Bildung hat für ihn einen hohen Stellenwert. „Ich selbst arbeite seit 1994 als Elternbeirat in den Schulen und Kitas für die bessere Bildung der Bevölkerung in Hanau.“ Für Kuscu steht fest, dass die Politik in der Vergangenheit beim Thema Integration versagt hat. Menschen mit Migrationshintergrund seien in die Enge der Ghettoisierung gedrückt wurden: Wenn jemand sich aus der Gesellschaft ausgegrenzt fühle, suche er sich Plätze, in denen er sich wohlfühle. „Deutsche sind aus den Wohngebieten ausgezogen, da sie das Zusammenleben anscheinend erniedrigend fanden.“ Für Kuscu gibt es viele Möglichkeiten, einer Ghettoisierung entgegenzuwirken: Der erste Weg sei, sich gegenseitig zu akzeptieren. Aussehen oder Herkunft dürften keine Rolle spielen.
Rubriklistenbild: © AP
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