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Dietzenbach nach dem Krieg: Viele Kriegsgefangene durften noch nicht nach Hause

Junge und aufrichtige Männer

Dietzenbach - Mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg in Europa offiziell beendet. Doch für rund elf Millionen Soldaten ging das Leiden weiter. Von Christoph Zöllner

© Repro (cz)

1947 hatte Dietzenbach nur 4386 Einwohner - auch weil viele Kriegsgefangene noch nicht nach Hause zurückkehren durften.

Sie gerieten in Kriegsgefangenschaft, mussten oft viele weitere Jahre fern der Heimat, getrennt von ihren Liebsten verbringen.

Auch zahlreiche Dietzenbacher Familien teilten dieses Schicksal. Kein Wunder, dass die Lokalpolitiker jedes noch so kleine Fünkchen Hoffnung nährten, jeden noch so verzweifelten Versuch starteten, um die Kriegsgefangenen nach Hause zurückzuholen. So schrieb der damalige SPD-Vorsitzende Wilhelm Deller im Jahr 1947 „Gesuche für Kriegs-Gefangene im Ausland“. Eine gleichnamige Mappe hat Sohn Friedel Deller der Redaktion gestern vorgelegt.

Friedel Deller war damals zehn Jahre alt und kann sich noch gut daran erinnern, wie die Genossen die Briefe mühsam im Zwei-Finger-Suchsystem auf der Schreibmaschine tippten. „Mein Vater war Schlosser“, berichtete Deller. Da das Material knapp war, wurden die Briefe immer wieder mit dem gleichen Stück Kohlepapier kopiert, teilweise auf die noch freie Rückseite eines bereits genutzten dünnen Papiers.

Die Briefe waren an die jeweiligen Kriegsgefangenen adressiert, mit der Bitte, sie an den Kommandanten des Lagers weiterzuleiten. So etwa erhielt Jakob Gaubatz einen Brief, der nach Groß-britannien ins Kriegsgefangenenlager Long Marston/Stratford-upon-Avon geschickt wurde. Die Einstiege in die Schreiben ähnelten sich: „Weil ich sehe, dass schon so viele Nazis aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurden und du als Kämpfer unserer sozialistischen Idee noch nicht zu Hause bist, fühle ich mich [...] verpflichtet, für deine Entlassung einzutreten.“ Mit roter Handschrift ist „erledigt“ unter den maschinengetippten Worten zu lesen.

Im Falle von Daniel Gimbel, der in Tunis saß, ergriffen die Eltern Partei: „Unser Sohn hat nie einer nazistischen Organisation oder deren Gliederungen angehört. Von seiner Schulentlassung bis zur Einberufung zum Heeresdienst war er ununterbrochen aktives Mitglied der sozialistischen Arbeiterjugend.“ Er sei immer ein „fanatischer Antifaschist“ gewesen, was Wilhelm Deller per Unterschrift bestätigte.

Weitere Informationen bei Friedel Deller unter: 06074/24530

Da waren auch Albert Gaubatz, Heinrich Werner, Heinrich Fenchel, Wilhelm Gaubatz, Ludwig Keim, Philipp Kohl und Friedrich Höreth, die auf die Fürsprache aus der Heimat bauen konnten. Und Philipp Kiefer, der vor 1933 in der Arbeitersport-Organisation tätig „und somit ein Träger der Ideen des demokratischen Sozialismus“ war. Eltern und Verwandte stünden heute, „genauso wie vor 1933 im Kampfe um den demokratischen Sozialismus in den vordersten Reihen“.

Die Briefe endeten meist so: „In der Hoffnung, in Dietzenbach wieder einmal einen jungen und aufrichtigen Menschen begrüßen zu können...“ Bürgermeister Martin Wolf unterzeichnete ebenfalls, schloss sich „den Ausführungen der SPD voll an“, die 1946 bei den Gemeindevertreterwahlen 48,9 Prozent der Stimmen geholt hatte.

Bei Ludwig Wiegold war der SPD-Vorsitzende der Ansicht, dass er wegen seines jugendlichen Alters „unter die Bestimmungen des Kontrollratgesetzes für die Jugendamnestie“ fällt. Gleiches machte Deller für den Soldaten Otto Schäfer geltend. Dessen Eltern seien nie der NSDAP beigetreten, weshalb sie „allerdings die Schikanen des Naziregimes zu spüren bekamen“.

In wie vielen Fällen die Schreiben erfolgreich waren, ist nicht überliefert. Der Zweite Weltkrieg hatte in Dietzenbach 249 Menschenleben gefordert, 244 Männer waren im Kampf gefallen, fünf Bewohner starben durch Bombenangriffe.

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