Dietzenbach - Willkommen in Dietzenbach, dem kleinen Bergdorf. „Eingezwängt in die Massive Hexenberg, Wingertsberg, Steinberg und… Schuldenberg.“ Wenn Reiner Wagner bei der Kabarett-Premiere in der Harmonie die lokale Karte ausspielt, ist ihm der Stich sicher. Dann lachen und klatschen die fast 100 Zuschauer um die Wette. Von Christoph Zöllner

© Towae
Bei der Premiere in der Harmonie boten Gerhard Münster (links) und Reiner Wagner politisches und gesellschaftskritisches Kabarett nach dem Motto „Hart aber mit Witz“.
Zusammen mit seinem kongenialen Partner Gerhard Münster trumpft er erstmals unter dem Motto „Wahnsinn trifft Blödsinn“ auf.
Die Rollen sind klar verteilt: Wagner spielt „en eschte Dietzebäscher“ aus der Altstadt, der so babbelt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist; Münster gibt den gediegenen Intellektuellen, den „Staaberjer“, der im nördlichen Stadtteil wohnt. Beide bieten eine amüsante Tour d’Horizon, einen Ritt durch die kommunale, Landes- und Bundespolitik, die Finanz- und Wirtschaftskrise („Die Krise lässt grieße“); der Bogen wird von Gesundheit und Esoterik über TV und RMV bis Integration und Klimakatastrophe gespannt. Letzteres erklärt Wagner so: „Wenn der Bieberbach die Größe des Rheins erreicht und die Altstadt die Aufgabe des längst im Meer versunkenen Rüdesheim übernommen haben wird.“
Natürlich nimmt das Duo auch die Bürgermeisterkandidaten unter die kabarettistische Lupe. Gesucht wird neben einem „Schuldenterminator“ vor allem ein Bürgermeister mit Sachverstand, meint Münster, um sich von Wagner sogleich eines Besseren belehren zu lassen: „Wieso? Das hatten wir doch in den letzten 40 Jahren nicht.“ Das Publikum tobt. Ebenso beim Abschiedslied für Bürgermeister Stephan Gieseler: „Morgen lacht uns wieder das Glück.“
Und Grünen-Chef Lothar Niemann, der als unabhängiger Bewerber antritt? Das Kabarettisten-Duo räumt ein, das ihm auch viele Schwarze und Rote grünes Licht geben wollen. Münster fragt sich allerdings, „ob er angesichts seiner Unabhängigkeit nicht zum farbigen Patchwork wird“. Gedanklich im Spessartviertel mit der Abrissbirne beschäftigt, sei Niemann eventuell für den Aufbau blockiert. Wie gut, dass da der steinreiche Hochtaunuskreis schon bei der Stadt angefragt haben soll, ob er die Leute aus freiwerdenden Wohnungen im Spessartviertel bei sich aufnehmen könne.
„Blonde Frauen braucht das Land“, resümiert Wagner. Spricht’s und tritt nach der Pause mit Perücke als Kornelia Butterweck auf, interviewt von Münster: „Ist Dietzenbach noch zu retten?“ Die Kandidatin verweist bei jeder Frage auf den Fraktions-Chef, Partei-Vorsitzenden und andere Berater. „Und was ist ihr dringlichster Wunsch?“ Butterweck: „Dass die Städtepartnerschaft mit Oconomowoc endlich mit Leben erfüllt wird.“ Dorthin werde sie ihre erste Dienstreise führen nach der Krönung, äh Wahl.
Ach ja, und dann ist da ja auch noch Jürgen Rogg mit ins Kandidatenboot gehüpft: „Seit gestern auch dabei, der Jürgen, ob er kann für den Abbau bürgen?“Schließlich ist es gleichgültig, ob Hochhaus oder Schulden: „Hauptsache Abbau“, meint Wagner.
Mal solo, mal im Duo unterhalten der Dietzebäscher und der Ingeplaggte volle zwei Stunden. Die Besucher im überhitzten Saal der Harmonie harren mit gespitzten Ohren aus und belohnen eine gelungene Premiere mit reichlich Beifall. Ihrem Anspruch, politisches und gesellschaftskritisches Kabarett nach dem Motto „Hart aber mit Witz“ zu bieten, sind Wagner und Münster gerecht geworden. Vielleicht sollten die beiden darüber nachdenken, das pralle Programm noch ein wenig zu straffen. Doch alles in allem haben beide Lust auf mehr gemacht. Das Duo hat bereits angekündigt, ob der Dynamik in der lokalen Politik die eine oder andere Aktualisierung vorzunehmen…
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