Dreieich - In kurzen Abständen blitzt immer wieder ein grelles Licht durch die Wohnung. Lydia Wanke steht auf, geht zur Haustür und betätigt den Öffner für die Eingangstür unten im Erdgeschoss. Im Arm hält sie ihren zehn Monate alten Sohn Louis Ricardo, der fröhlich lächelt. Von Enrico Sauda

© Sauda
Lydia Wanke freut sich über die neue Küche.
Lydia Wanke hatte in ihrem Leben bisher nicht sehr viel Glück. Seit sie anderthalb Jahre alt ist, kann sie nicht mehr hören. Damals hatte die heute 31-Jährige, die im südrussischen Sotchi, der Stadt, in der 2014 die Olympischen Winterspiele über die Bühne gehen, zur Welt kam, eine Lungenentzündung. Das viel zu starke Antibiotikum, das Ärzte ihr verabreichten, führte zur Taubheit.
Ihr leiblicher Vater starb, noch bevor sie mit ihrer Mutter Tatjana 1993 nach Deutschland kam. Von ihrem Stiefvater kann sie nichts erwarten, der ist auf die junge Damenschneiderin nicht gut zu sprechen. Mit dem Kindsvater will sie anscheinend nichts zu tun haben. Geld ist ebenfalls keines da. Monatelang musste sie mit ihrem Sohn in einer völlig verschimmelten Wohnung leben - höchst ungesund vor allem für das Kind.
Selber helfen kann sie sich wegen ihrer Gehörlosigkeit nicht. Ihre Behinderung steht ihr auch bei der Arbeitssuche im Weg - sie findet keinen Job.
Denn einmal im Leben hat Lydia Wanke Glück gehabt. So richtig viel. So viel, dass sich nun ihr ganzes Leben ändert. Denn sie hat nun eine frisch renovierte, gemütliche Wohnung, in der sie und ihr Sohn sich wohlfühlen. Und alles zum Nulltarif.
„Uns war wichtig, dass es jemand war, der in Dreieich lebt“, sagt Reinhold Lotz von den „7 auf einen Streich“. Nachdem sie vom Schicksal Lydia Wankes gehört hatten, war ihnen klar, dass sie helfen müssen. Gut 25 000 Euro investierte die Handwerker GmbH in die Renovierung, brachte über vier oder fünf Wochen hinweg die Wohnung in Schuss.
„Wir haben einfach alles neu gemacht. Von den Fliesen über die Tapeten und die Toilette bis hin zu den Steckdosen“, erklärt Lotz. Man sei eben Dreieicher und wolle der Stadt etwas zu rückgeben. „Wir hatten uns einfach mal überlegt, was wir Gutes tun können.“ Und eines war ihnen von vornherein klar: „Was die im Fernsehen können, können wir schon lange - und besser.“ Gesagt getan. „Klar“, gibt Lotz zu bedenken, „es ging natürlich auch um Werbung für uns. Aber eine solche Aktion bringt mehr als etwa ein Tag der offenen Tür. Nicht nur uns, sondern auch Lydia Wanke.“
Ob es eine Fortsetzung dieses Projektes geben wird, steht noch nicht fest. „Wenn’s uns wirtschaftlich gut geht, wer weiß, vielleicht.“ Gemeinsam mit Lydia Wanke hatten die Handwerker eine Vorauswahl getroffen, besprochen, wie die Wohnung gestaltet werden sollte. Die Einrichtung hatte Lydia schon - „die war bereits in der Wohnung, und wir mussten sie stets von Zimmer zu Zimmer räumen, um mit der Arbeit voranzukommen“.
Oma Tatjana Wanke ist außer sich vor Freude, weiß gar nicht, wohin vor lauter Glück. „Im Namen meiner Tochter möchte ich Ihnen herzlich danken, dass Sie eine so große Sache für uns gemacht haben“, sagt sie und erhebt das Glas auf die Männer, die zwar mit der Situation umzugehen wissen, aber etwas betreten sind.
„Ich kann kaum in Worte fassen, wie glücklich wir sind“, übersetzt Tatjana Wanke die Gebärdensprache ihrer Tochter. „Ich habe mir schon gedacht, dass es schön werden wird, aber dass es so wunderschön wird, habe ich nicht erwartet“, liest die Mutter ihrer Tochter von den Händen ab. Nun soll die Wohnung noch schöner werden.
Mariandl Hommel, eine Innendekoratorin, hörte von der Aktion und meldete sich bei den Dreieicher Handwerkern - „sie möchte ein bis zwei Fenster ausschmücken“.
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