Frankfurt - Die Zeiten von Bananenhagel und Urwaldgeschrei in Hessens Fußballstadien sind vorbei. Rassistische Diskriminierung im Fußball ist seltener geworden.

© dpa
Gewalt wie nach dem Abpfiff des Bundesligaspiels Eintracht Frankfurt gegen den 1. FC Köln im Mai vergangenen Jahres in der Commerzbank Arena gibt es auch weiterhin. Dumpfer rechtsextremer Rassismus aber ist derzeit kein Problem.
Wenn farbige Spieler heute am Ball sind, regnet es weder Südfrüchte aus den Kurven, noch gibt es verunglimpfende Affenlaute von den Rängen zu hören, wie es noch in den 80er Jahren an der Tagesordnung war. Rassistische Diskriminierung im Fußball ist seltener geworden. „Die Situation hat sich sicht- und hörbar verbessert“, stellt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle für Fanprojekte (KOS), fest.
Dass tumbe Rassisten deutlich in die Defensive geraten sind, schreibt Gabriel der Arbeit der Fanprojekte zu. „Ohne unsere Unterstützung wären ganze Gruppen verloren gewesen“, sagt er. Mit sozialpädagogisch ausgerichteten Aktionen und Kampagnen sei es über die Jahre gelungen, Rechtsextremismus in den Stadien zurückzudrängen. „Die Ultras lassen nicht mehr zu, dass sich Rechte artikulieren. Das ist ein positiver Wandel“, schildert Gabriel.
Insgesamt drei dieser gemeinnützigen Initiativen gibt es in Hessen. Neben Zweitligist Eintracht Frankfurt erhalten die Drittligisten Kickers Offenbach und Darmstadt 98 Mittel von der öffentlichen Hand und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB).
Völlig einzudämmen ist das Problem allerdings nicht. In vielen Köpfen ist diskriminierendes Gedankengut noch passiv vorhanden. „Die rechte Haltung schwelt, sie ist da und ich glaube, dass sie aktivierbar wäre. Sie ist Ausdruck der gesellschaftlichen Realitäten in der Stadt, der Region und der geschichtlichen Beziehung zur Eintracht, die seit jeher als Judenclub beschimpft wird“, erklärt Antje Hagel vom Fanprojekt Offenbach.
Die hauptamtliche Fanbetreuerin trifft im Umfeld des Bieberer Bergs immer noch auf Vorurteile und tradierte Animositäten. „Wenn man es hören möchte, ist es hörbar“, sagt Hagel. „Positiv ist, dass viele genau das nicht mehr wollen und dagegen halten.“ So wie Anfang Januar, als bei einem Hallenturnier einige wenige Anhänger der Kickers rechtsradikales Liedgut anstimmten und keine Mitsänger fanden. Oder in der Vorsaison, als ein NPD-Funktionär aus dem Frankfurter Fanblock flog. „Die Fanprojekte haben die zivilgesellschaftlichen Kräfte in den Kurven gestärkt. Die Leute trauen sich zu sagen, das gehört hier nicht hin“, bestätigt Gabriel.
Selbst beim Viertligisten KSV Hessen Kassel, lange Zeit das Sorgenkind des Hessischen Fußball-Verbandes, ist es „momentan so ruhig wie lange nicht. Sicherlich haben wir in unseren Reihen noch rechtsgesinnte Einzelpersonen. Aber unsere Ultras haben stets aktiv dagegen reagiert“, schildert der Kassler Fanbeauftragte Markus Lämmer die Lage.
Problematischer ist auch hier die erhöhte Gewaltbereitschaft der Anhänger. Flaschenwürfe auf Polizisten und Morddrohungen gegen den mittlerweile entlassenen Trainer Christian Hock sorgten in der Vorsaison für negative Schlagzeilen. „Die Schwierigkeiten dort entstehen, weil Verein und Stadt das Thema ignorieren. Es geht niemand angemessen damit um“, mahnt Gabriel, der bislang erfolglos für den Aufbau eines Fanprojekts in Kassel eintrat.
Auch tief unten in den Kreis- und Jugendligen fehlt es häufig an öffentlicher Unterstützung und den Strukturen, die zum Abbau von extremistischen Orientierungen beitragen könnten. Harte Auswüchse von Rechtsradikalismus sind jedoch die Ausnahme. Vorfälle wie den der Neonazis, die das Clubheim eines Vereins für eine Party nutzten oder des Torhüters, der mit der Trikot-Nummer 88, einem Zahlencode der Neonazis, auflief, sind selten geworden. „Die Bedrohung von Rechtsaußen ist gering in Hessen“, sagt Angelika Ribler von der Sportjugend Hessen. „Ausländerfeindlichkeit und Rassismus gibt es hingegen immer wieder. Dann gilt es den Vorfall frühzeitig aufzuarbeiten, um Eskalationen zu verhindern.“ Der gefahrene Kurs ist restriktiv. Fallen auf dem Platz Beleidigungen, landen sie im Ernstfall vor dem Sportgericht. Denn ein Phänomen von gestern ist rechter Extremismus im Fußball nicht. Virulent ist die Problematik noch in belasteten Regionen wie dem Schwalm-Eder-Kreis oder der Wetterau. „Dort treiben braune Kameradschaften und freie Kräfte ihr Unwesen“, sagt Ribler.
dpa



Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.