Superbanner

Dietrich Hilsdorf inszeniert Verdis „Simon Boccanegra“ am Wiesbadener Staatstheater

Genuas dunkle Mächte

Wiesbaden - 25 Jahre liegen zwischen dem Prolog und den drei Akten von Giuseppe Verdis „Simon Boccanegra“. Von Axel Zibulski

© Kaufhold

Geflecht aus Politik und Privatem: Kiril Manolov als Boccanegra, Tatiana Plotnikova als Maria und Felipe Rojas Velozo als Gabriele.

In Dietrich Hilsdorfs packender Wiesbadener Neuinszenierung der Oper spielt die Vorgeschichte, die in Boccanegras Ausrufung zum Dogen endet, vor dem Eisernen Vorhang, der im Großen Haus des Staatstheaters freilich ein fantasievoll bemalter ist. Nach einer knappen halben Stunde strömt das Publikum bereits in die erste Pause – in dieser Zeit lassen die Maskenbildner das Genoveser Personal, ob Boccanegra oder seinen Widersacher Fiesco, um ein Vierteljahrhundert altern.

Dramatische Wahrhaftigkeit und szenische Anschaulichkeit prägen Hilsdorfs Deutung der Verdi-Oper, die sich eher selten auf den Spielplänen findet. Ihre Erstfassung entstand 1857, etwa zeitgleich zu „Der Troubadour“. 1881, als Verdi bereits an seinem späten „Othello“ arbeitete, unterzog er „Simon Boccanegra“ gemeinsam mit dem weit jüngeren Librettisten Arrigo Boito einer gründlichen Revision. Diese Spätfassung liegt auch der Wiesbadener Inszenierung zu Grunde; in ihren musikalisch stärksten Passagen, etwa dem Prolog, ist sie als durchkomponiertes Musikdrama angelegt, während das Nummernhafte der Erstfassung vor allem in den beiden letzten Akten durchscheint. Marc Piollet, Wiesbadens zum Saisonende scheidender Generalmusikdirektor, wird beiden Facetten des damit spannungsvoll heterogenen Werks gerecht, verdeutlicht mit dem vorzüglich disponierten Hessischen Staatsorchester die dramatische Klangrede kantig und bis zum Jähen hin, sekundiert, wo nötig, den Sängern aber auch geschmeidig.

Die Durchkreuzung von Privatem und Politischem lässt Dietrich Hilsdorf im ersten Akt auf der zunächst von Gattern, sodann von einem üppig ausgemalten Ratssaal geprägten Bühne (von Dieter Richter) spielen. Bei aller Opulenz fürs Auge, zu der auch Renate Schmitzers auf die Entstehungszeit der Oper verweisenden Kostüme beitragen, tritt die Schärfung des Dramas nie zurück: Boccanegra erkennt seine Tochter Maria wieder, die als Ziehkind in der verfeindeten Familie der Grimaldis aufgewachsen ist. Dazu kommen die Aufstandsversuche gegen den Dogen, sein Bemühen um Frieden mit Venedig – diese Handlungsstränge verfolgt Hilsdorf konzentriert und anschaulich nach.

Im zweiten und dritten Akt bleiben auf sonst leerer Bühne ein langer Tisch, Stühle, viel Theaterblut – für den Plebejer-Führer Paolo vor allem: Thomas de Vries singt ihn so baritonal kernig, im Zweifel mehr wahr als sonor, wie es in der Wiesbadener Produktion dieses auch vokal vor allem dunklen Stücks typisch ist: Der Bass von Luciano Batinic (Fiesco), erst recht der stattliche, nicht immer lupenrein, aber höchst eindringlich die Partie des Dogen Boccanegra ausleuchtende Kiril Manolov stehen für die hohe Identifikation der Sänger mit der Szene. Das hier meist im Hintergrund gehaltene Volk gewinnt durch den Wiesbadener Chor treffende Wucht, Sopranistin Tatiana Plotnikova wertet Boccanegras Tochter zur reifen Frau auf, während Felipe Rojas Velozo als Gabriele Adorno ihr tenoral eher forcierender Liebhaber bleibt. Nach Boccanegras Gifttod wird er zum neuen Dogen, und mit zwei aufgespießten Köpfen deutet Hilsdorf zum beklemmenden Ende an: In diesem Genua wird nichts besser werden.

‹ Nächste Vorstellungen am 3. und 17. Februar sowie am 11. und 20. März. Karten: s  0611 132325

zurück zur Übersicht: Kultur

  • BlinkList
  • del.icio.us
  • Folkd
  • Furl
  • Google
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • oneview
  • Yahoo MyWeb
  • YiGG
  • Webnews
Diese Seite bookmarken bei...

Lesen Sie auch:

Neue kreative Perspektiven eröffnen

Offenbach - Michael Trapp, Geschäftsführer und Teilhaber der „Sattler KunststoffWerk GmbH“ an Mühlheims „Schanz“ nimmt erstmals offiziell am vom Hessischen Wirtschaftsministerium organisierten Projekt „Kunst privat!“ am 2. und 3. Juni teil. Von Reinhold GriesMehr...

Kommentare

Newsletter kostenlos bestellen

Musik

Offenbach: Big Fox aus Schweden im Hafen 2

Wohltuend unversäuselt

Offenbach - Das wirkt heimelig, fast wie Hausmusik. Ein intim anmutender Kreis von drei Musikerinnen und Musikern sitzt dicht gedrängt mit seinem Instrumentarium auf der Bühne. Von Stefan MichalzikMehr...

Hafen 2: Priska Zemp gastiert in Offenbach

Keine Heidi,

Offenbach - Ironie ist natürlich mit im Spiel, wenn eine Schweizer Popmusikerin sich Heidi Happy nennt. Unter diesem Namen firmierende Priska Zemp gastierte nun im Offenbacher Hafen 2. Von Stefan MichalzikMehr...

Deine Lakaien im Offenbacher Capitol

Dunkle Lieder, helle Versionen

Offenbach - Einen Liederabend heißt man so etwas in der klassisch-romantischen Kunstmusik. Ein Sänger mit einem Klavierbegleiter: Dergestalt ist das Dark-Wave-Popduo Deine Lakaien momentan auf Tour zu erleben. Folgerichtig sind die Säle, wie nun Capitol, bestuhlt. Von Stefan MichalzikMehr...

Kino-Neustarts

Videos werden geladen...0:00
Bild mit Ladehinweis

Weitere Informationen für dieses und andere Videos werden geladen...

Abspielen

Alle Videos

avt3lNb7JQssrV05vV8CDO9nZCljByxxoSxYFcShB4A.http://www.op-online.de/media/video/101778010019076483001

Artikel lizenziert durch © op-online
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.op-online.de

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

SkyScraper