Lesung von Alina Bronsky in Bornheim

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    • 07.10.10
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Zwischen Brodsky und Bronx

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Frankfurt - Rampensau-Sein ist Alina Bronsky so fern wie Tokio-Hotel-Bill das Männlich-Sein. Etwas peinlich berührt wischt die 32-jährige Autorin mit der Mädchenfigur ihre Finger an der Jeans ab, als eine Zuhörerin im Bornheimer Ypsilion-Buchladen immer wieder aufspringt, um sie wild zu beklatschen. Von Kathrin Rosendorff

Literatur Alina Bronsky

© Bettina Fürst-Fastré

Fräuleinwunder der deutschen Literatur: Alina Bronsky.

Für die Lesung ihres zweiten Romans hat Alina Bronsky ein Blümchen-Sommerkleidchen über die Jeans gezogen, ihre Haare sind rötlich gefärbt, ihr Gesicht gar nicht geschminkt. Sie lächelt. Angenehm.

Der Buchtitel „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ klingt wie ein Kochbuch. Ist es aber nicht. Es geht um eine dämonische, russische, junge Großmutter, die mit ihrem Bestreben, für alle das Beste zu wollen, ihre Tochter und die Enkeltochter stetig in den Abgrund treibt. „Und sie kocht immer dann, wenn ein potenzieller neuer Ehemann auftaucht“, sagt Bronsky. Der tragikomische „Großmutter-Roman“, der 1978 in der Sowjetunion beginnt und 30 Jahre später in Deutschland endet, hat es sogar auf die Long List des Deutschen Buchpreises 2010 geschafft.

Irritiert von krummen Straßen

Wahrscheinlich auch wegen solcher trockener, böser Sätze der Ich-Erzählerin Rosalinda über ihre Tochter Sulfia wie: „...Sie hatte überhaupt keine Figur und kleine Augen und einen schiefen Mund. Dumm war sie, wie gesagt, auch. Sie war schon siebzehn Jahre alt, und es bestand keine Hoffnung, dass sie noch mal klüger werden würde.“

„Ich liebe meine Oma sehr“, versichert Bronsky auf die Frage, ob ihre russische Großmutter Vorbild für Rosalinda gewesen sei. Das einzige, was die beiden Großmütter verbindet, ist die bestimmte Durchsetzungskraft und die lakonische Lebensbetrachtung, beteuert sie.

Vor kurzem war ihre Oma zum ersten Mal zu Besuch in Deutschland und irritiert von den vielen „krummen Straßen“ unweit von Frankfurt. „Denn in meiner Geburtsstadt Jekaterinburg sind die Straßen viel länger und breiter“, erzählt die Enkelin. Mit zwölf Jahren kam sie mit ihren Eltern (der Vater ist Physiker, die Mutter Astronautin) nach Deutschland.

Brodsky + Bronx = Bronsky

Ihr Deutsch ist akzentfrei, ihre Schreibe schwindlig-schnell. Und so erhob sie „Der Spiegel“ schon vor zwei Jahren beim Erscheinen ihres Debüt-Romans „Scherbenpark“ zur „aufregendsten Newcomerin der Saison“. Die Geschichte: Die 17-jährige russische Protagonistin Sascha lebt in einem Hochhaus-Ghetto in Deutschland und hat zwei Träume: Ihren Stiefvater töten und ein Buch über ihre ermordete Mutter schreiben. „Scherbenpark“ wird mittlerweile an vielen Schulen bundesweit im Deutschunterricht gelesen: „Am Anfang habe ich mich selbst gewundert und gefragt: Ist das überhaupt jugendfrei?“, erzählt Bronsky. Mittlerweile hat sie sich an den Gedanken gewöhnt. Sie lacht: „Zwischen Lessing und Goethe habe ich einen guten Stand bei den Schülern.“

Die Autorin wollte schon vor dem Medien-Hype um sie und den „Bronsky-Beat“ ein Pseudonym. Als „Scherbenpark“ kurz vor der Veröffentlichung stand, fiel ihr nach langem Grübeln der Name „Bronsky“ im Schlaf ein: Und zwar wegen des russischen Dichters und Literaturnobelpreisträgers Joseph Brodsky („ein cooler Typ“) und der Bronx, Assoziation mit „Scherbenpark“, der in einem deutschen Ghetto-Viertel spielt.

Bei ihren ersten Interviews mochte sie fast gar nichts Privates von sich verraten. „Mittlerweile ist es mir zu anstrengend geworden, so geheimnisvoll zu sein.“ Und so erzählt die Autorin: Von ihren drei Kindern („Ja ich weiß, so viele Kinder ist eher ungewöhnlich in meinem Alter“), mit denen sie sich Zeichentrick-DVDs anschaut.

Russische Blogs sind spannender

Ihre russische Kindheit hat sie sehr geprägt, sagt sie. Alina Bronsky liest sich durch russische Bücher und Blogs. „Die Blogs sind dort einfach eine Massenerscheinung und so spannender als die deutschen.“ Aber sie reist nicht mehr in ihre Heimat. „Mit dem modernen politischen Russland kann ich nicht so viel anfangen.“ Und so erzählt sie auch in „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ von einem Russland, das sie noch aus ihrer Kindheit kennt. „Es ist kein Zufall, dass die Roman-Enkeltochter Aminat wie ich 1978 geboren ist.“ Auch Aminat zieht weg aus dem armen Russland in den „Goldenen Westen“ Deutschland. Und da hören die Parallelen schon auf. Die ziemlich kaputten Schicksale ihrer Romanfiguren Aminat und Sascha sind fern von ihrem.

Ihr Medizinstudium hat Bronsky abgebrochen, dafür aber bei einer Tageszeitung volontiert und als Werbetexterin gearbeitet. Lückenbüßerjobs. „Ich wollte immer nur Bücher schreiben.“ Ihre erste Kurzgeschichte schrieb sie mit acht Jahren. Inhalt: Ein Kind wird von Außerirdischen entführt. Seit „Scherbenpark“ kann sie vom Autorin-Sein leben.

Schreibt beim Suppe-Kochen

„Ich schreibe nur dann, wenn mir gerade etwas einfällt: Im Zug, beim Suppe-Kochen, noch im Schlafanzug“, sagt sie. Sonst setzt sie sich erst gar nicht an den PC. Wenn die Buch-Idee erstmal im Kopf ausgereift ist, dann schreibt sie 318 Seiten wie bei „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ ziemlich schnell in ein paar Monaten runter.

Manchmal wird sie auf der Straße erkannt. „Am Anfang habe ich geleugnet, dass ich es bin, und zwar aus purer Verlegenheit.“ Wenn sie jetzt jemanden in der S-Bahn eins ihrer Bücher lesen sieht, findet sie das „ganz toll“. Sie sagt aber nichts. „Ich freu mich einfach still vor mich hin.“

Biografisches

Alina Bronsky ist 32 Jahre alt, hat drei Kinder und ist eins der neuen „Fräuleinwunder“ der Literatur-Szene. Jetzt hat die Frankfurterin ihr zweites Buch rausgebracht: Einen ziemlich bösen Großmutter-Roman. Ihre eigene Oma liebt sie aber, schwört sie.

  • 1978 im russischen Jekaterinburg geboren
  • Mit zwölf Jahren kam sie nach Deutschland. Sie lebt unweit von Frankfurt.
  • Alina Bronsky ist ein Pseudonym.
  • Sie hat drei Kinder.
  • Nach einem abgebrochenen Medizinstudium arbeitete sie als Werbetexterin und Volontärin bei einer Tageszeitung.
  • Ihr Debütroman „Scherbenpark“ (2008) etablierte sie als ein Fräuleinwunder der Literaturszene.

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Kommentare

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seckham28.05.2011, 10:13
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Super Buch. Grandiose Autorin.

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