Mühlheim - Narhalla-Marsch! Die Version von der Schelllack-Platte aus dem Jahre 1937 eiert auf dem alten Plattenspieler und rauscht. Aber sie erfüllt ihren Zweck und weckt die Erinnerungen von 30 Besuchern des Geschichtstreffs mit und ohne Hütchen. Von Michael Prochnow

© Michael
Wolfgang Rubin verfolgte seine erste Sitzung durchs Fenster beim Waitz.
„Wie war das eigentlich mit der Saal- und der Straßenfastnacht?“, fragen Gerda Brinkmann und Karl-Heinz Stier vom Geschichtsverein. „Mühlheim war ja stets eine Fastnachtshochburg“, lehrt der „Präsident“ des Abends. Die Stadt sei ja mehrheitlich katholisch, „und Katholiken wissen besser, der Narretei zu frönen“. Sprecherin Brinkmann schminkt derweil ihren Tischnachbarn Stier nach altem Brauch mit einem angekokelten Korken und rotem Krepppapier.
„Fastnacht war das Größte nach Weihnachten“, strahlt Maria Heil, „da hat man sich das ganze Jahr drauf gefreut“. Scharen von „Lumpen“ fielen in den Fastnachtstagen ins Haus ein, forderten was zu essen und zu trinken und zogen wieder ab. Später schlossen sich die Heil-Kinder dem Brauch an, zogen am „Lumpenmontag“ zu zehnt als „Strizi“ zum Bäcker Spahn. „Wir waren so verkleidet, dass uns niemand erkannt hat.“ Abends waren die Erwachsenen wieder unterwegs. „Da gab’s Schnaps mit Strohhalm, damit man die Maske nicht absetzen musste“, schildert Gerd Adam.
Nach dem Krieg war der „Domino“ das beliebteste Kostüm, obwohl die Leute kaum Geld hatten. Schneidermeisterin Engelhard hatte sehr aufwändig ungarisches Folklorekleid gestickt, das nun im Fenster des Treffs hängt. Auch die bunten Stoffe und glitzernden Applikationen der Zigeunertracht waren gefragt. Ingeborg Fischer ging jahrelang als „Rotkäppchen“. Doch „welches Kind würde heute noch Hut und Rock einer Gänseliesel“ tragen, fragt sie bei der Präsentation eines anderen Kostüms.
1938 erging eine Anweisung an die Bürgermeister: „Karnevalistisches Treiben“ sorge für Störung der öffentlichen Ruhe, Ortsfremde zögen durch die Straßen, belästigten Einwohner und verbrächten Abende „in unmoralischer Weise“. Gegen den „groben Unfug“ und „ruhestörenden Lärm“ sei „polizeilicher Einhalt“ geboten. Erst ab Samstag vor Fastnacht war die Narretei erlaubt.
Das alles musste sich die kleine Gerda abschminken: Als Erstkommunikantin durfte sie sich nicht verkleiden. „Das war für mich die Katastrophe“, betont Mitorganisatorin Brinkmann, wo doch 1946 erstmals wieder Fastnacht gefeiert wurde. Mit einem Schlafanzug klappte es dann doch noch, „denn ein Pyjama ist ja keine Verkleidung“. Sie weiß auch noch, als „Orion“ spielte; die erste Band, die „amerikanische Musik“ in die Mühlenstadt brachte.
Margarete Preis war 1958 Prinzessin der Basaltköpp. Die Feuerwehr stellte damals die Regenten und einen eigenen Umzug am Fastnachtsdienstag auf. Als gerade abgedankte Prinzessin hat Ursula Haubrich ihren Mann kennengelernt, „und ich hab’n halt behalten - obwohl er nicht tanzen konnte!“ Die Eltern hatten vorher klargestellt, welcher junge Mann in Frage komme - trotzdem wählte sie den Evangelischen von der Polizeischule. In einer ähnlichen Situation steckten Matthias und Nathalie. Das aktuelle Lämmerspieler Prinzenpaar hat drei Monate in seiner Küche Wiener Walzer für seine Auftritte geübt, verrät der Prinz. Jetzt sind sich die Beiden einig, „wir haben Fastnacht erst in Lämmerspiel so richtig kennengelernt“, erzählt Matthias I. in dem Kreis, „und wir können das genießen“.
Wolfgang Rubin ist 1946 nach Lämmerspiel gekommen. Die erste Sitzung der KaJuKa, der katholischen Jugend, verfolgte er durch ein Fenster des Restaurants Waitz. Im nächsten Jahr war er dabei, brachte sein Talent fürs Kulissenmalen ein, zeichnete Vorhänge auf Packpapier. Als jüngster Hofmarschall habe er auf der Waitz-Bühne gelernt, frei zu sprechen. 1963 brachte er den ganzen Stolz der Lämmerspieler in die Bütt: die erste Ampel.
Was den Narren von einst und heute in der Kampagne 2012 fehlt? „Die Unbefangenheit, den Spaß durch einfache Dinge“ vermisst Heil. „Viele junge Leute verkleiden sich nicht mehr, können nicht mehr richtig tanzen und gehen an Aschermittwoch schon wieder in die Disco“, kritisiert eine Besucherin. Einer der Herren in der Runde meint, der spontane Straßenkarneval der Kinder fehle. Und die Damenwahl bei den Bällen. „Die Allgemeinheit feiert keine Fastnacht mehr“, fasst Gastgeberin Brinkmann zusammen. Nur noch wenige Vereine lüden zu Maskenbällen ein, bemerkt auch Prinzessin Nathalie.
Dann, am Aschermittwoch „ist alles vorbei“. Nur die Bälle der Schausteller lagen in der Fastenzeit, erinnert sich Monika Thomas. Wolfgang Rubin ist einst zum Fastnachts-Finale mit den Gardemädchen durch den Ort gezogen, er empfand den Abschied als „Absturz“. Die Kinder in der Kneipe von „Glabs Wilhelm“ dagegen waren froh, wenn das „Remidemi“ vorbei war, weiß Wirtstochter Thomas noch gut, „danach hatten wir endlich unsere Eltern wieder“. Prinzessin Ursula stimmt mit ein: „Nachgetrauert wurde nicht, weil mein Prinz mir auch net so gefalle’ hat“.
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