Mühlheim - Zwischen einer nüchternen Polizeimeldung und dem menschlichen Schicksal, das wirklich dahintersteckt, klaffen oft Welten. Am späten Samstag sind in der S-Bahn drei Jugendliche aus Mühlheim von einer Gruppe Halbstarker angepöbelt worden. Von Veronika Szeherova
Später ist es am Offenbacher Marktplatz zu einer Rangelei gekommen, bei der einem der Mühlheimer das Handy gestohlen wurde.
So weit, so kurz. Was geht aber, fünf Tage nach diesem schlimmen Erlebnis, in den Opfern vor? An die Redaktion gewandt haben sich die Eltern von zwei der 17-jährigen Jungen. Sie leiden mit ihren Söhnen, die vor allem psychisch von der Tat gezeichnet sind. Auf diesem Weg erhoffen sie sich, dass sich weitere Zeugen melden. Denn was sich abgespielt hat, sei weit mehr als eine Pöbelei. Der Handydieb habe ein Messer gezückt und die Jungen bedroht. „Da muss man schon von bewaffnetem Raubüberfall sprechen“, sagt der Vater mit trauriger Stimme. „Man kommt sich vor wie in der Bronx. Wie tief ist diese Gesellschaft gesunken?“
Sein Sohn sei seitdem sehr ruhig und in sich gekehrt. „Er verhält sich fahrig, schläft schlecht, sieht im Traum die Schlägerei“, berichtet der Vater. Körperlich gehe es ihm zwischenzeitlich besser, nachdem sie am Sonntag bei der Notaufnahme waren. „Er konnte kaum den Mund aufmachen, es bestand Verdacht auf Kieferbruch“, so der 53-Jährige. Auch am Ohr habe er geblutet. Ebenfalls am Kopf verletzt wurde der Freund, und am Oberschenkel. „Immer noch hat er Schmerzen beim Laufen“, schildert seine Mutter.
Ein folgenschwerer Fehler: Am Marktplatz nahe des Rewe-Supermarkts trafen sie die Gang um kurz nach Mitternacht wieder. Und die Pöbeleien begannen von vorn. Die Lage spitzte sich zu, als einer der Gruppe einem Mühlheimer die Fastnachtsperücke vom Kopf riss. Dieser wollte sie wiederhaben, bekam als Antwort Schläge. „Vier bis fünf stürzten sich auf einen einzelnen“, sagen die Eltern bestürzt. Die anderen beiden wollten dem Freund helfen, auch auf sie prasselten Schläge der mengenmäßig weit überlegenen Gang ein. „Dabei ist meinem Sohn das Handy aus der Tasche gefallen“, schildert der Vater. „Einer der Täter, er war auffallend dunkelhäutig und groß, schnappte es sich und bedrohte meinen Sohn mit einem Klappmesser.“ Das neuwertige Smartphone nahmen die flüchtenden Täter mit, als ein beherzter Passant schlichtend eingriff.
Die Angst aber blieb. Zitternd, blutend und mit teils zerstörter Kleidung haben die Eltern ihre Söhne in der Nacht abgeholt. „Man liest ja ständig, dass sowas passiert“, sagt die Mutter. „Doch wenn man auf einmal selbst betroffen ist, ist es doch was anderes.“ Ihr habe besonders daran gelegen, dass die drei Jungs keine Mitschuld an der Tat tragen: „Sie haben betont, dass sie sich nicht haben provozieren lassen, nur ihre Ruhe wollten. Die Täter aber waren von vornherein auf Rabatz aus.“
Natürlich sei sie als Mutter erst beruhigt, wenn abends die Tür aufgehe und der Sohn heil nach Hause komme. „Wir können unseren Kindern nur das Handwerkszeug geben, für solche Situationen gewappnet zu sein, ganz davor bewahren können wir sie leider nicht.“ Doch dass so eine brutale Tat mitten in der Stadt unbescholtenen, „behütet aufgewachsenen“ Jugendlichen passiere, sieht sie als „gesellschaftspolitisch dramatische Entwicklung“. Wobei die drei Jungen in diesem Fall glücklicherweise recht glimpflich davongekommen seien.
Der Vater spricht von einem Schlüsselerlebnis für seinen Sohn, bei dem er viel Hilfe brauchen werde, um es zu verarbeiten. „Es geht ihm ständig durch den Kopf, er hinterfragt sich andauernd.“ Er habe panische Angst und „von Offenbach erstmal die Nase voll“. Er berichtet, die Täter hätten einen „Boxerschnitt“ und seien, bis auf den großen Dunkelhäutigen, „marokkanischer oder türkischer Abstammung“.
Die Eltern hoffen, dass die Täter gefasst und zur Verantwortung gezogen werden – durch die Auswertung der Videoüberwachung am Marktplatz und Zeugenaussagen. Und davon benötigen sie dringend mehr. Zum Beispiel von dem Passanten, der schlichtend eingriff. „Am Rewe stand ein Security-Mann, vielleicht hat er etwas mitbekommen“, so die Mutter. „Bestimmt haben es mehr Leute gesehen, wir sind auf Aussagen angewiesen!“ Zeugen erreichen die Kripo unter Telefonnummer 069/80981234.
Rubriklistenbild: © dpa
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