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Die Katastrophenschutzübung vor der Offenbacher Stadthalle am Samstagmorgen

Alles läuft schief und gut

Offenbach - Es gibt Wortwechsel, die überfordern den Zuhörer erstmal. Samstagmorgen an der Stadthalle zum Beispiel. Da stehen Leute, die eigentlich liegen müssten, und reden mit einer Schicksalsergebenheit von ihrem Zustand, als ginge es um nicht mehr als das Wetter. Von Alexander Kroh

Rund 600 Helfer von Rettungsdiensten, Feuerwehren, THW und Polizei waren an der Großübung an der Stadthalle beteiligt.

© Georg

Rund 600 Helfer von Rettungsdiensten, Feuerwehren, THW und Polizei waren an der Großübung an der Stadthalle beteiligt.

„Bist du auch kontaminiert?“ „Nee, nur beide Beine gebrochen“. Ja, kaputte Knochen sind ein vergleichsweise harmloses Gebrechen, wenn Katastrophenschützer Katastrophen machen.

Es ist nun wirklich kein Vergnügen, das hier simuliert wird. Mal angenommen und mit der hohen Kunst der Katastrophenkosmetik glaubhaft gemacht: Ein Kleintransporter, vollgestopft mit Fotochemikalien, rammt einen roten Renault. Der schleudert zwischen und, wenn man sich den Schlamassel näher betrachtet, eigentlich eher auf viele junge Menschen, die vor der Stadthalle auf den Einlass zu einem Konzert warten. Beide Unfallfahrer: tot. Etwa zwei Dutzend Konzertbesucher: tot. Der Rest: schwerstverletzt, schwerverletzt, leichtverletzt oder mindestens geschockt. Kurz: Alles, was schiefgehen kann, geht schief.

Bilder der Katastrophenschutzübung vor der Stadthalle

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Also geht alles gut. Unlogisch? Nicht für Drehbuchschreiber von Katastrophenübungen. Die müssen möglichst viel Drama unterbringen. Folgerichtig tritt jetzt auch noch eine Flüssigkeit aus vom Transporter gekrachten Fässern aus. Silbernitratlösung, leicht ätzend. Mehrere hundert Einsatzkräfte haben richtig was zu tun.

Aber erstmal zwei Stunden zurück. Ein Opfer, das nicht nach Opfer aussieht, ist nicht recht überzeugend. Solche Halbherzigkeiten zu vermeiden, ist der Job von Stephan Danisch und seinem Team von der Notfalldarstellung Offenbach. Mit Theaterschminke zaubern sie Verletzungen auf Körper, von der Platzwunde bis zum offenen Bauch, aus dem der Darm quillt. Die Darsteller sind nicht Schauspieler, obwohl da manches Talent zu entdecken ist, sondern meist Polizeikommissaranwärter.

„Alle guten Verletzungen waren schon weg“

Einer davon ist Sebastian Lehmann - offener Beinbruch, sehr realistisch. Lehmann ist ein bisschen angefressen. „Ich kam relativ spät, da waren alle guten Verletzungen schon weg“, erklärt der 27-Jährige. Die Polizeistudenten sollten auch Badesachen mitbringen. Wer einen Verseuchten gibt, muss später ausgezogen und dekontaminiert werden; da macht sich eine Badehose besser als eine Unterhose. Und gleich gibt’s auch noch Kunstblut; muss ja alles echt wirken.

Wirkt es. 9.35 Uhr, die Übung beginnt mit fünf Minuten Verspätung. Aber sonst verläuft alles Unvorhersehbare planmäßig. In den Unfall verwickelt ist auch noch ein Langholztransporter, der dicke Stämme über die Waldstraße verteilt und Rettungskräften damit die Zufahrt versperrt. Derweil haben sich die Opfer vor der Stadthalle schon warmgebrüllt. Als keine acht Minuten nach dem Alarm die ersten Sanitäter eintreffen, stürmt alles, was laufen kann, auf die Rettungswagen zu. Doch die DRK- und ASB-Leute stoppen nur kurz, verarzten niemanden, was Unverständnis auslöst. „Hey, helfen Sie doch mal, gehen Sie nicht weg!“.

Organisationsstruktur schaffen

Doch die Retter verhalten sich richtig, wie Dr. Birger Freier, Anästhesist am Klinikum Offenbach, später erläutern wird. In den ersten zehn Minuten sei es entscheidend, eine Organisationsstruktur zu schaffen. „Lieber erst mal zehn Sekunden nachdenken und dann konzentriert und geordnet vorgehen“, sagt Freier. „Was nützt es, wenn ich einen rette, dafür aber 40 andere sterben?“ Um Abläufe zu optimieren, wird bei der Übung auch die neue „Startkarte“ getestet, die Verletzten künftig um den Hals gehängt wird. Dazu gibt’s Bändchen in Ampelfarben. Rote Patienten werden abtransportiert, gelbe und grüne sind, falls möglich, vor Ort zu behandeln. Dazu bauen die vereinigten Retter eine Art kleine Zeltstadt auf. Wer Silbernitrat abbekommen hat, wird an einer mobilen Dekontaminationsstation geputzt. Und wer heile Beine hat, läuft zum „Selbstbedienungsdekontaminierer“.

„Im Realfall wären selbstverständlich mehr Einsatzkräfte vor Ort“

Inzwischen tritt eine weitere Komplikation auf. Im Renault wird ein Behälter entdeckt, der angeblich radioaktives Material enthält. Feuerwehrmänner mit Schutzanzügen messen Strahlung, bis sich der Verdacht ausräumen lässt. Und um 11.50 Uhr wird dann der letzte Leichtverletzte abtransportiert; „der Zeitablauf war sehr gut, schneller geht’s fast nicht“, fasst Dr. Freier zusammen. Auch die anderen Beteiligten - Feuerwehren, Rettungsdienstler, THW - zeigen sich recht zufrieden. Und natürlich, gibt der Feuerwehr-Übungsleiter Thomas Kutschker zu bedenken, habe man sich mit einer Großübung mitten in der Stadt auf absolutes Neuland gewagt. „Im Realfall wären selbstverständlich mehr Einsatzkräfte vor Ort“, ergänzt Feuerwehr-Chef Uwe Sauer.

Für die Polizei geht die Übung bis zum Nachmittag weiter. Der Unfallhergang muss rekonstruiert, die Leichen müssen identifiziert werden. Und außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass der erfundene Fund der verdächtigen Substanz im Renault bei Ermittlern größerer Kaliber noch Kreise ziehen wird. Zumindest sind auf der Liste der an der Übung Beteiligten Behörden aufgeführt, die ein „normales“ Unglück kaum nach Offenbach locken würde: Landeskriminalamt, Bundeskriminalamt und Umweltbundesamt.

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