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Im Programm BASU21 kümmern sich Polizisten um straffällige Jugendliche

Letzte Chance für junge Täter

Offenbach - Am 17. Januar wurde in Mühlheim ein 11-jähriger Junge überfallen. Unter Androhung von Prügel sollte er sein Mobiltelefon herausrücken. Das Kind hatte jedoch weder Handy noch Geld dabei, sodass die Täter abzogen. Von Ralf Enders

© Reinartz

Her mit dem Handy! Wie in dieser gestellten Szene gehört der Raub von Handys zu den typischen Delikten jugendlicher Straftäter.

Weil der 11-Jährige sie kannte, wurden sie aber wenig später gefasst: ein 13-jähriger Offenbacher, wegen Diebstahls, Betrugs, Unterschlagung und gefährlicher Körperverletzung bei der Polizei bekannt. Und ein 14-Jähriger aus Mühlheim - Diebstahl, Raub, gefährliche Körperverletzung, Betrug und Hehlerei hat er auf dem Kerbholz.

Die beiden jugendlichen Täter sind Fälle für BASU21 - unter diesem Kürzel befasst sich die hessische Polizei mit „Besonders auffälligen Straftätern unter 21 Jahren“. Mit dem Programm versuchen Polizei und Staatsanwaltschaft, die kriminellen Karrieren junger Straftäter doch noch zu verhindern. Im Gegensatz zu der härteren Gangart bei eher beratungsresistenten Mehrfach- und Intensivtätern (MIT) besteht für die BASU21-„Kundschaft“ nach Ansicht der Behörden nämlich noch Hoffnung auf Besserung. Die letzte Chance für junge Kriminelle sozusagen.

„Wir wollen alt eingetretene Pfade verlassen“, sagt die Offenbacher Kriminaloberrätin und Leiterin der Regionalen Kriminalinspektion, Antje van der Heide. Den Grundgedanken bringt sie auf den Punkt: „Menschen können sich verändern.“

Und Polizisten müssen sich verändern. Für die Ermittler bedeuten Präventionsprogramme wie BASU21 ein neues Arbeitsbild - weg von der konventionellen Ermittlung, die den Täter vor einen Richter und ins Gefängnis bringt. Die Beamten sind vielmehr Ansprechpartner und Begleiter auf dem Weg raus aus der Kriminalität. Wenngleich der Offenbacher Polizeisprecher Henry Faltin Wert auf die Feststellung legt, dass diese klassische Polizeiarbeit weiter nötig ist und nicht vernachlässigt wird. Und Dieter Weber, Erster Kriminalhauptkommissar und in Offenbach Leiter des Kommissariats für BASU21 und MIT stellt klar: „BASU21 ist der Schuss vor den Bug.“ Ist der junge Straftäter - in der Mehrheit handelt es sich um Jungs - gänzlich uneinsichtig, ist Schluss mit Hilfe und Verständnis.

Priorität hat Täter-Opfer-Ausgleich

Wie sieht eine BASU21-Betreuung aus? Vier Polizisten im Offenbacher Präsidium behalten derzeit 21 Jugendliche und junge Erwachsene aus Stadt und Kreis Offenbach im Auge. „Am anfang stehen meist Delikte wie Sachbeschädigung, Ladendiebstahl oder das ‘Abrippen’ von Taschengeld oder Handy auf dem Schulhof“, erzählt Weber. Dann schaue man sich die Täter genauer an: Wie ist sein Elternhaus, sein soziales Umfeld? Was sagt das Jugendamt? Die Staatsanwaltschaft. Und wie gibt er sich in den Vernehmungen? Dann fragen sich Weber und sein Team: „Können wir ihm helfen?“

Ganz vorne steht dann Weber zufolge die Suche nach dem Täter-Opfer-Ausgleich. „Wenn sich Täter und Opfer die Hand geben, haben wir unser erstes Ziel erreicht.“ Für eine wirklich erfolgreiche Begleitung müssen die Polizisten jedoch das Vertrauen der BASU-Kandidaten gewinnen. Dies geschieht durch Präsenz im und echtes Interesse am Leben der jungen Menschen. Weber: „Wir versuchen, den Jugendlichen einen geordneten Tagesablauf zu verschaffen, stellen Kontakte zu Schulen, Betrieben, Geschäftsleuten oder Boxprojekten wie dem im Offenbacher Nordring her.“

Ob Betriebspraktikum oder Boxprojekt: Viele Jugendliche lernen hier erstmals Werte wie Pünktlichkeit oder Verlässlichkeit. Kriminaloberrätin van der Heide: „Es werden klare Regeln formuliert und eingefordert.“ Und die Erfahrung der Polizisten ist: Die Regeln kommen an, viele straffällig gewordene Kinder und Jugendliche sehnen sich geradezu nach klaren Strukturen.

Die haben sie zuhause offenbar nicht. Die Polizisten legen Wert auf die Feststellung, dass in den Familien „die ganze Bandbreite“ zu beobachten ist. Zerrüttete Elternhäuser, in denen Gewalt an der Tagesordnung ist, Migrationsfamilien, in denen die Sprache das größte Problem ist, aber auch gutsituierte, in denen sich schlicht niemand um die Heranwachsenden kümmert.

Polizei als Sozialarbeiter

Auf jeden Fall sind van der Heide und Weber vom Erfolg des Programms überzeugt, auch wenn Zahlen schwer zu nennen seien. Weber: „Viele verstehen den Schuss vor den Bug.“

Warum macht die Polizei quasi Sozialarbeit? „Viele Köche verderben den Brei, aber wir sind der Hauptkoch“, erklärt van der Heide. Die Polizei habe eine Sonderstellung im Zusammenspiel mit Staatsanwaltschaft und Jugendamt. „Wir können präventiv, und wir können repressiv.“ Van der Heide ist sicher, dass es weitere benötigte Stellen geschaffen werden, das Projekt komme auch landesweit gut an.

Die beiden verhinderten Handy-Diebe aus Offenbach und Mühlheim sind noch in BASU21. Beide Elternhäuser seien froh um die Hilfe und kooperierten gut, so die Polizei. Einer mache derzeit ein Praktikum, der Schulabschluss sei greifbar. Der andere versperrt sich jeder Hilfe und steht vor dem Rauswurf aus der Schule.

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