Offenbach - Vorsichtig fährt Heidi Evers mit einer Hand über Buchrücken. „Schön, nicht?“, fragt sie den Besucher, der neugierig in das kleine Häuschen lugt. Von Katharina Skalli

© Georg
Einmaliges Projekt in Offenbach: Ein „offener Bücherschrank“ für ein ganzes Wohnquartier. Die Organisatoren setzen auf Vertrauen.
„Sie können sich ruhig ein Buch nehmen“, ermuntert sie den Nachbarn. Doch der will lieber zunächst nur gucken. Dabei geht es beim Projekt „Offener Bücherschrank“ des Vereins „Lebenszeiten“, der seit gut drei Jahren in der Weikertsblochstraße 58 generationenübergreifend Wohnen ermöglicht, um mehr.
Der Schrank funktioniert nach dem Prinzip: „Eins bringen – eins nehmen“ und richtet sich an die Bewohner des Mehrgenerationenhauses und ihre Nachbarn im Quartier. Jeder der möchte, darf in Ruhe Schmökern und ein Buch mit nach Hause nehmen. Im besten Fall stellt er dafür ein anderes ins Regal. Doch auch wer kein Buch zu verschenken hat, ist vom Verein zum Lesen eingeladen. Eine Rückgabe wird nicht unbedingt erwartet. Der Bücherschrank ist tagsüber immer geöffnet. Wer will, darf auf den Holzbänken in der parkähnlichen Grünanlage um die Ecke Platz nehmen und unter freiem Himmel lesen.
In dem kleinen, lindgrün lackierten Kasten, riecht es noch nach frisch verarbeitetem Holz und Spänen. Ein Mensch findet gerade so Platz zwischen den Regalen. Ordentlich sortiert reihen sich Bücher aneinander. Romane, Kinderliteratur, Reisebücher, Ratgeber und Krimis warten auf die ersten Leser.
„Wir haben den Offenen Bücherschrank nicht erfunden“, sagte Vorsitzender Hans-Jürgen Platt, bei der Eröffnung. „Aber in Offenbach ist er der erste.“ Die Hausgemeinschaft wolle damit die Kommunikation im Viertel fördern und die Menschen weg von Fernseher und Computer holen. Weil es keinen Leihschein und keine Registrierung gebe, sei das Angebot für jeden nutzbar.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Bewohner des Mehrgenerationenhauses für alle ihre Türen öffnen. Ausstellungen, Feste und Theateraufführungen gehören mittlerweile fest zum Musikerviertel. Unterstützt werden sie dabei vom Hauseigentümer GBO. „Die Kooperation mit dem Bildungswerk Bau hat toll geklappt“, sagte Peter Janat, Aufsichtsratmitglied der GBO und Lehrer an der August-Bebel-Schule, deren Schüler einen Teil ihrer Ausbildung beim Bildungswerk absolvieren. „Das Lerntempo der Schüler ist unterschiedlich“, so Janat. „Mit einem solchen Projekt bekommen die guten Schüler die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu beweisen.“
„Die Azubis sind motivierter, wenn sie an etwas arbeiten dürfen, das nach der Fertigstellung tatsächlich angewendet wird“, sagte auch Joachim Buhro, Leiter des Bildungszentrums in Frankfurt, dessen Ausbilder Jürgen Weeber mit den Jugendlichen das Konzept des Hauses umgesetzt und gebaut hat. Noch stehen alle Bücher an Ort und Stelle, doch dass der Schrank und vor allem sein Inhalt gut ankommen wird, davon sind die Mehrgenerationenhäusler überzeugt.
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