Offenbach - „Das ist der Rolls Royce unter den Toiletten.“ Thomas Menger, von Beruf Badezimmergestalter, meint das durchaus ernst. Von Fabian El Cheikh

© Georg
Ob Parkinson-Vereinigung, Alzheimer-Gesellschaft, evangelische Familienbildungsstätte oder der Verein „Pro Retina“ – das Wochenende nutzten zahlreiche soziale und präventive Einrichtungen in der Stadt, um Senioren über ihre Angebote und Produkte aufzuklären. Und die Infobörse stieß auf großes Interesse.
Doch auch er muss lächeln, als er einer jungen Familie die neueste Errungenschaft des zivilisatorischen Fortschritts vorführt: das erste ferngesteuerte Klo. Die Luxusausführung versteht sich. Man gönnt sich ja sonst nichts. Von außen gibt sich das WC traditionell und unscheinbar. Betontes Understatement: weiße Porzellanschüssel, formgerechter Sitz. Seine wahre Ausstattung drückt sich im Inneren aus: Bidet, Fön und Geruchsabsauger. „Man kann sogar vier verschiedene Wassertemperaturen für die Benutzer programmieren“, verblüfft Menger das Ehepaar und seine junge Tochter.
Doch damit nicht genug: Mittels einer zumindest optisch fernsehgerättauglichen Fernbedienung wählt man bequem im Sitzen alle Funktion aus. Nur ein Klick und eine schmale lange Düse fährt vollautomatisch aus dem hinteren Teil des Beckens heraus. Noch ein Klick und mit dem gewünschten Druck sprudelt das Wasser nach oben. Die Wäsche kann beginnen. Ruckartig zieht die Frau ihren Kopf zurück und lächelt peinlich berührt. Klick, das Bidet fährt ein, heraus schiebt sich eine zweite schmale Düse – der Fön. „Für ältere Menschen ist das doch super.“ Ihr Mann findet’s klasse.
Keine Frage, an der interaktiven Toilette kommt bei der ersten Offenbacher Infobörse für Senioren an diesem Wochenende niemand ernsthaft vorbei. Durchaus ernst ist dagegen der Hintergrund für diese Erfindung, wie Menger den ebenso neugierigen wie belustigten Zuschauern erklärt: „Sie ist zum Beispiel ideal für Menschen mit Darmproblemen.“ Genauso wie Badewannen mit Einstiegstür besonders geeignet für gehbehinderte Senioren sind. „Das hat nicht nur was mit Barrierefreiheit zu tun, vielmehr mit Bequemlichkeit. Auch meine jüngeren Kunden schätzen diesen Komfort“, sagt er.
Ein ebenso ernstes, geradezu existenzielles Thema ist natürlich auch auf dieser Infobörse die Angst der „Generation 50plus“ vor Gedächtnis- und Orientierungsverlust. Jutta Burgholte-Niemitz von der Breuer-Stiftung weiß vom schwierigen Umgang mit Demenz und Alzheimer zu berichten: „Viele lesen nur das Wort Alzheimer auf unserer Infowand, dann sind sie schnell weg.“ Noch immer löse das Thema Angst und Panik aus“, wie Burgholte-Niemitz meint: „Das ist sehr schlimm für die Betroffenen und deren Angehörige.“ Oft liefen diese von Pontius zu Pilatus, um sich über Hilfsangebote zu informieren.
Die Fitnessindustrie versucht es also auch hier mit dem Faktor Bequemlichkeit. Wie sagte schon Dichter Christian Morgenstern: „Das Interesse an Gesundheit ist riesig, das Wissen darüber mäßig und das Gesundheitsverhalten miserabel.“ Ergo: Wir alle wissen, wie wichtig Sport und Bewegung gerade im Alter sind. Allein den übelgelaunten inneren Schweinehund gilt es zu überwinden.
Wie man diesem erfolgreich ein Schnippchen zu schlagen vermag, zeigt Motivationscoach Peter Picard in seinem Vortrag. „Der Schüssel zum Erfolg ist, Körper, Geist und Seele ganzheitlich zu betrachten“, führt Picard seinem Publikum vor Augen. Zu oft werde in der westlichen Medizin Kopf und Körper getrennt behandelt, weshalb er schon in Kindestagen zur asiatischen Philosophie und Kampfkunst gefunden habe. Diese lehre: „Wir können lernen, auch Dinge zu tun, die wir nicht gerne tun.“ Das Zähneputzen etwa: Wie oft haben unsere Eltern uns früher dazu zwingen müssen? Heute tun wir es jeden Tag selbstverständlich. „Unser Gehirn ist lernfähig bis ins hohe Alter“, sagt Picard.
Der erste Startschuss, etwas im Leben zu verändern, sei oft Interesse, der zweite Einsicht, der dritte starker Leidensdruck. Wer diese Signale erkenne, müsse handeln. Es folgt die Phase der Zielsetzung: „Machen Sie sich einen Zeitplan, orientieren Sie sich an Vorbildern oder Mitstreitern, und werden sie dann aktiv, am besten mit einem Partner“, ruft Picard seine Zuhörer auf. „Seien sie konsequent und akzeptieren Sie kein ,ja, aber’.“ Und wer sich immer noch nicht aufraffe, sollte sich die Konsequenzen seiner Verweigerung vor Augen halten. „Welchen Preis zahle ich dafür, wenn ich jetzt nicht handle?“
So motiviert können die Besucher später ihren Rundgang durch die Messe aktiv fortsetzen. Oder den weiteren Vorträgen lauschen. Peter Bender vom Polizeiladen etwa zeigt, wie man sich vor Betrügern an der Haustür schützt, Benjamin von der Hagen von Telis Finanz klärt über wirtschaftliche Risiken im Alter auf und Wolfgang Schumm vom Arbeiter-Samariter-Bund gibt Tipps gegen Stürze. Und wer zum Abschluss nochmal Spaß sucht, kann am Stand der Evangelischen Kirche nochmal richtig Gas geben: beim Rollirennen – eine elektrische Carrerabahn ohne Autos, stattdessen mit zwei rasenden Omas auf einem Rollstuhl. Alt wird, wer Humor hat...
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