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AmOffenbacher  Kaiserleikreisel dreht sich das Bild vom kriminellen Beschmutzer des öffentlichen Raums

Sprühen „wie beim Jazz“

Offenbach-  Graffiti gilt für die meisten Menschen als Sinnbild sozialer Brennpunkte. Gefühlter Zusammenhang: Je dichter die Wände in einem Viertel besprüht sind, desto höher liegt die Kriminalitätsrate.  Nicht so in Offenbach. Von Stefan Mangold

© Georg

So sieht doch kein illegaler Schmierfink aus? Natürlich nicht. Die Aktion „Living Walls“ ist sogar so legal, dass die Stadtwerke die Farbdosen spendieren.

Zur Nulltoleranzstrategie des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani gehörte es also, nicht nur zerbrochene Fenster so schnell wie möglich zu ersetzen, sondern auch Graffiti umgehend zu entfernen, möglichst bevor ein besprühter Zug wieder fahren muss.

Es geht aber auch anders. Dank Marcus Dörr beispielsweise, dem Inhaber der Offenbacher Agentur „Artmos4“. Der hatte von Freitag bis Sonntag aus ganz Deutschland Leute nach Offenbach eingeladen, für die der Gebrauch einer Spraydose so selbstverständlich ist wie für andere der Umgang mit Messer und Gabel. Mehr als 50 Graffiti-Maler besprühten beim „3. LivingWalls“ die 800 Quadratmeter große Fläche der Unterführung am Kaiserlei zwischen dem Hyundai-Komplex und dem Eingang zur Berliner Straße.

„Sieht toll aus“, loben drei Kinder Marc Wittenborn, der den Schwung der auf rosa Untergrund aufgetragenen Ornamentik im Konterfei eines älteren Mannes fortsetzt. Von einem Foto malt er das Gesicht mit der Spraydose ab. Einer der Jungen fragt: „Ist das erlaubt?“ Es ist. So erlaubt, dass die Stadtwerke als Sponsor die Dosen bezahlen, deren Inhalt für einen bis zwei Quadratmeter Betonwand reicht.

Eine EHEC-Tomate mit bedrohlich weißen Reißzähnen

Mit der nächtlichen Szenerie eines Abstellgleises, auf dem Jugendliche hektisch aus Rücksäcken ihr Handwerkszeug zerren, haben die LivingWalls, die lebenden Wände, nichts gemein. Wer sich hier platziert, braucht Ruhe. Die greifende Hand auf dem Gemälde von Christian Schopp aus Bad Homburg bedarf der gleichen technischen Fähigkeiten, die auch ein Zeichner braucht, der Papier als Unterlage nutzt.

Zum Thema EHEC malt Schopp (40) im Comic-Stil eine Tomate, aus deren aufgerissenem Mund bedrohlich weiße Reißzähne blitzen. Die Comic-Kunst ist auch ansonsten die dominierende Stilrichtung, obwohl der Fotograf Marc Wittenborn am Graffiti schätzt, „dass es kein Reglement gibt, keine universitäre Malschule.“

Damals besprühten sie noch nachts Züge

Für ihn sei die Zeit der Produktion eines Bildes wichtiger als das, was am Ende herauskommt. Denn über die Vergänglichkeit seiner Freiluftwerke macht sich der Friedberger keine Illusionen. Das kennt er 42-jährige Vater eines Sohnes aus seinen Anfängen, die Mitte der achtziger Jahre liegen. Damals besprühte er nachts Züge. „Meistens hatten wir Stunden Zeit“, weil noch keine Wachen patrouillierten. Ihm sei es darauf angekommen, „nicht irgendetwas hinzuschmieren, sondern einen künstlerischen Wert zu schaffen“.

Irgendwann, vor über 20 Jahren, hörte er auf, alleine oder mit Gleichgesinnten nach geeigneten Flächen zu suchen. Er habe Leute gekannt, die der Zugriff der Polizei, die mittlerweile mit Sonderkommissionen fahndete, finanziell ruinierte. Manche Rechnungen der Bahn für Reinigungen hatten sich auf sechsstellige Summen addiert. In der bundesdeutschen Graffiti-Szene sei er damals ein Begriff gewesen, eine Berühmtheit.

Nachdem er aufgehört hätte, dauerte es nicht lange „und alle meine Bilder waren verschwunden“. Wenn es nicht Ordnungsdienste sind, die zu Reinigern greifen, übermalen früher oder später Kollegen das Werk. „Das gehört zur Kunst dazu.“ Ärgerlich sei es jedoch, wenn „Leute konzeptlos ihre Tags ins Bild setzen“, spricht Christian Schupp.

Ansonsten geht es bei Treffen von Graffiti-Malern manchmal ein bisschen zu „wie beim Jazz“, betont Marcus Dörr (36). Die Leute lieferten eigene Beiträge in fremden Bildern, „eine richtige Session“. Von illegaler Graffiti hält er nichts, „auch wenn ich selbst mal jung war“. Die diene auf sinnlose Art dem eigenen Ego. „Wer meint, eine Bank überfallen zu müssen, hat wenigstens Aussicht auf Geld.“

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