2421.11.09|Seligenstadt|Seligenstadt|
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Tagtäglich flattern Einladungen auf unsere Redaktionstische. Darunter höfliche, richtig nette, vorgestanzte, solche mit unverhohlenem Aufforderungs charakter bis hin zu regelrechten Stellungsbefehlen - ganz nach IQ und Kinderstube der Veranstalter. Von Michael Hofmann
Parteien, Verbände, Vereine und Firmen möchten natürlich, dass wir über ihre Aktivitäten, Bilanzen, Jubiläen oder Erfolge berichten - über Misserfolge schweigt man lieber, da stört die Presse. Ein schönes Beispiel aus der Praxis lieferte dieser Tage die Seligenstädter Firma Schneider Electric. Deren Pressestelle wollte ihre Einladung zum Besuch des traditionellen Hochschultags an der Steinheimer Straße doch allen Ernstes mit unserer Zusage verknüpft wissen, dass wir keine (unangenehmen) Fragen zur geplanten Verlagerung von 150 Mitarbeitern in den Spessart stellen. Als der Kollege das schlicht ablehnte, zogen die „tapferen Schneiderlein“ ihre Einladung prompt zurück. Toll! Das nennen wir verantwortungsvollen Umgang mit Mitarbeitern, Medien und Öffentlichkeit. Wir Redakteure wundern uns gelegentlich schon darüber, dass manchen Herrschaften nichts, aber auch nichts mehr peinlich und Pressefreiheit ein noch nie gehörter Ausdruck aus der Klingonen-Sprache zu sein scheint.
Was geht's auch die Welt an, wenn eine Firma Probleme hat; wen juckt's, dass 150 Familien darob von Existenzängsten geplagt werden?
Wahlbetrug ist 'ne ernste Angelegenheit, da gibt's, auch wenn's oft nur kleine Dösbaddel sind, völlig zu Recht ordentlich aufs Dach, wenn man erwischt wird. Die meisten Großbetrüger freilich werden erst gar nicht geschnappt, wie die Operetten-Wahlen in Afghanistan, im Iran und sonstwo auf dieser korrupten Welt eindrucksvoll belegen. Im Falle Froschhausen - welch ein Gedankensprung - ist der Sündenfall nun dreieinhalb Jahre her, aber sicher noch jedem präsent. Bekanntlich setzte es 2000 Euro und eine Haftstrafe zur Bewährung. Doch damit nicht genug, wie uns die Tagesordnung des Haupt-, Finanz- und Wirtschaftsförderungsausschusses lehrt, der am Montag (19 Uhr, Rathaussaal) tagt. „Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen wegen der Kosten der Wahlwiederholung“ heißt es reichlich gestelzt auf der Einladung. Dies allerdings im nicht öffentlichen Sitzungsteil, wie FWS-Chef Jürgen Kraft bei der Lektüre überrascht feststellte. Empört kündigte er uns gegenüber gleich einen Änderungsantrag an. Verständlich, denn auch wir wüssten gern, welcher Teufel Bürgermeisterin Dagmar B. Nonn-Adams und die Verwaltung geritten haben mag, diese Angelegenheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandeln zu wollen.
Die Rathauschefin hüllt sich in Schweigen, und uns befällt, wie jedesmal, wenn die Herrschaften Volksvertreter Heikles oder Brisantes hinter verschlossenen Türen verhackstücken w(s)ollen, eine Ahnung von Mauschelei. Dabei ist die Angelegenheit doch völlig klar und nichts hineinzugeheimnissen: Der Froschhausener CDU-Politiker Heinrich Korb ist an jenem 27. März 2007 vor dem Amtsgericht und in öffentlicher Verhandlung wegen Wahl- und Urkundenfälschung sowie der falschen Versicherung an Eides statt rechtskräftig verurteilt worden, das ist jedem im Umkreis von 30 Kilometern bekannt. Wer das nicht weiß, der muss zugezogen sein. Deshalb gibt es auch überhaupt keinen Grund, die Personalie zu anonymisieren oder die Diskussion hinter dem Vorhang zu führen. Vielmehr gibt es sogar zwingende Gründe, die Öffentlichkeit gerade in diesem Fall herzustellen. Denn bei Ablehnung des Antrags könnte es durchaus sein, dass der Steuerzahler für die „Nebenkosten“ des Wahlbetrugs - angeblich über 10 000 Euro - geradestehen muss. Und das wäre ja grotesk. So richtig ins Rollen gebracht hat die Schadensersatz-Geschichte übrigens die CDU, die, in Abwandlung einer FDP-Initiative, Regressansprüche gegen Bürgermeisterin Nonn-Adams geprüft haben wollte. Nachdem die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die Rathauschefin unlängst ergebnislos eingestellt hat, segelte der Bumerang zurück zum „Herrchen“. Angeblich will die CDU die Thematik dennoch vertagen, um nachzuprüfen, ob die von Nonn-Adams lediglich mündlich in der Stadtverordnetenversammlung Anfang Oktober vorgetragene Entscheidung der Darmstädter Strafverfolger auch authentisch ist. Die Recherche haben wir ihr gern abgenommen. „Haben das Verfahren am 30. September eingestellt“, sagte Ger Neuber, Sprecher der Staatsanwaltschaft, gestern kurz und knapp.
Schade, schade, ewig schade“ möchten wir all denen entgegenrufen, denen es nicht vergönnt war, dieser Tage beim Vor-Ort-Termin an der Klein-Krotzenburger Kreuzburgschule dabei zu sein, der als „Hosianna-Tag“ in die Annalen der Einrichtung eingehen dürfte. Schulleitung, Förderer und Eltern haben Landtagsvize Frank Lortz und Schulamt gegenüber ihre Höchstzufriedenheit mit allem nur Erdenklichen zum Ausdruck gebracht. Wir Seligenstädter gönnen ihnen das von Herzen, damit da nur keine Missverständnisse aufkommen. Aber wir sind misstrauisch geworden. Denn zu Zeiten, als die Lortzschen Schulvisitationen noch vollständig waren und der Froschhäuser noch keinen großen Bogen um die durch die CDU-/SPD-Schulpolitik in die Negativ-Schlagzeilen gerutschten „Sorgenkinder“ machte, da war es schöne Tradition, dass Schulleiter - die Hände brav an der Hosennaht - im Kanon das beliebte „Friede, Freude, Eierkuchen“-Lied anstimmten und zum Besten gaben, was Schulamt und Politik gerne hören wollten.
Die Realität führte diese Märchenstunden bekanntlich jeweils bald ad absurdum. Die fatalen Folgen sind hinlänglich bekannt. Wenn Politiker und Planer daraufhin Sanierungsmaßnahmen beschlossen und unter dem Motto „Jetzt geht's los“ in die Hände spuckten, ging's in der Regel sauber nach hinten los (Hauptmann-Schule, Merianschule, Einhardschule). Kein Wunder also, wenn uns Ankündigungen wie der Umbau des Klein-Krotzenburger Schul-Verwaltungstraktes oder die Grundsteinlegung der neuen Emmaschule - origineller ging's wohl auch nicht? - die kalten Schweißperlen auf die Stirn treiben.
Rubriklistenbild: © op-onlinezurück zur Übersicht: Seligenstadt

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