Schockt Schweinegrippe bald die Weltwirtschaft?

Schockt Schweinegrippe bald die Weltwirtschaft?

016.08.0916.08.09|WirtschaftFacebook
Artikel drucken|Artikel empfehlen|Schrift a / A

Berlin - Viele Mitarbeiter hören in diesen Tagen von ihren Chefs ein ungewohntes Kommando: “Hände waschen!“ Hinter der neuen Fürsorge steckt die Schweinegrippe.

© dpa

Schockt die Schweinegrippe bald die Weltwirtschaft?

Experten fürchten, dass sich die Grippewelle spätestens im Herbst global verschärft. Das könnte die Weltkonjunktur treffen. Auch die gerade aus der Rezession kommende deutsche Wirtschaft beobachtet als Exportweltmeister den Verlauf der Pandemie akribisch. Noch hat die Grippe nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) im Außenhandel kaum Schaden angerichtet.

DIHK-Außenhandelschef Axel Nitschke warnt aber, dass die Situation schnell kippen könnte: “Wenn Hygienestandards nicht eingehalten werden, ist mit einer weiteren Ausbreitung der Pandemie und damit auch spürbaren Konsequenzen für die Weltwirtschaft zu rechnen.“ Ganze Branchen und Verwaltungen würden lahm liegen, wenn große Teile der Belegschaften krank ans Bett gefesselt sind.

Die Experten der Auslandshandelskammern (AHKs), die an 120 Standorten in 80 Ländern vertreten sind, haben jetzt untersucht, wie in ausgewählten Exportländern auf die Schweinegrippe reagiert wird: Sollte in FRANKREICH im September die höchste Alarmstufe ausgelöst werden, drohen die Schließung öffentlicher Einrichtungen und ein Verbot kultureller Veranstaltungen. Die großen Firmen haben interne Notpläne vorbereitet. Kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlt dafür aber meist das Wissen und die Kapazitäten.

BELGIEN bereitet sich nach AHK-Angaben auf eine dramatische Zuspitzung der Schweinegrippe (“worst case“) ein. Die Vereinigung der flämischen Handelskammern/VOKA befürchtet ab September bis zu 3 Millionen Kranke in Belgien. Das wäre knapp ein Drittel der Bevölkerung. Die Unternehmen haben ihre Hygiene-Vorschriften verschärft. In den NIEDERLANDEN rechnen das Wirtschaftsministerium und Unternehmerverbände mit einem Personalausfall durch die Schweinegrippe von (im schlimmsten Fall) bis zu 30 Prozent im Herbst/Winter. “Falls es zu diesen hohen Krankheitsständen kommt, ist durch die enge wirtschaftliche Verflechtung Deutschlands und den Niederlanden mit Auswirkungen im Handelaustausch zu rechnen“, schreibt der DIHK.

In KANADA herrscht ein Gefühl der relativen Sicherheit durch ausreichende Versorgung mit Impfstoffen. Allerdings: Videokonferenzen werden verstärkt genutzt und Desinfektionsgeräte (“sanitizer“) im Büro aufgestellt. In Lateinamerika ist die Situation bereits ernster. PERU hat Todesfälle und viele Erkrankungen gemeldet. Die Schulferien wurden per Dekret verlängert. Der Tourismus ist leicht rückläufig - nach Einschätzung der AHK liegt dies aber auch an der allgemeinen Wirtschaftskrise.

ARGENTINIEN hat Export- und Importbeschränkungen auf Schweinefleisch verhängt. Die heftigsten Konsequenzen der Grippe gibt es mit einem Minus von 35 Prozent im Tourismus. Direkte Auswirkungen auf den deutsch-argentinischen Außenhandel sind bislang ausgeblieben. Jedoch werden Firmenreisen verschoben. Die Experten des DIHK haben auch nach Asien geschaut.

In THAILAND und VIETNAM ist das Thema Schweinegrippe nach der schlechten Erfahrung mit SARS akut. Die Maßnahmen reichen von regelmäßigem Händewaschen bis hin zum Tragen von Schutzmasken. Die Firmen verschicken Rundschreiben mit Verhaltensregeln. Bei einer Bevölkerung von 1,2 Milliarden verzeichnet INDIEN bislang 22 Todesfälle. In einigen Bundesstaaten wurden Schulen und Kinos zeitweise geschlossen. Einschränkungen im Handel gibt es aktuell nicht.

SAUDI-ARABIEN ist sich seiner besonderen Situation bewusst. Rund 7 von 8 Millionen Gastarbeitern kommen aus armen Ländern ohne hygienische Standards. Das Ansteckungspotenzial wird steigen, weil zum Ramadan (September) und zur Hadsch-Pilgerfahrt (Oktober) Millionen Pilger unterwegs sind. Noch weiß niemand, wie schlimm die ökonomischen Folgen der Grippe tatsächlich ausfallen werden. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hatte vor drei Jahren bei der Vogelgrippe eine Pandemie-Modellrechnung aufgestellt. Käme es bundesweit zu heute unvorstellbaren 50 000 bis 150 000 Todesfällen, lägen die geschätzten Kosten für die Volkswirtschaft in diesem Szenario bei 25 bis 75 Milliarden Euro. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) würde um 1 bis 3 Prozent schrumpfen.

Von Tim Braune, dpa

zurück zur Übersicht: Wirtschaft

  • BlinkList
  • del.icio.us
  • Folkd
  • Furl
  • Google
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • oneview
  • Yahoo MyWeb
  • YiGG
  • Webnews
Diese Seite bookmarken bei...
Schliessen

Artikel empfehlen!

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Mehr erfahren Sie in Ihrer Tageszeitung - kostenlose Leseprobe bestellen

Kommentar schreiben

Letzter Kommentar zu diesem Artikel:

Keine Kommentare vorhanden.

Eintrag verfassen

Community

Schreiben Sie zum Beitrag Ihre Meinung oder laden Sie Bilder und Videos zu ihrem Profil hoch. In unserer Community lernen sie sicher auch neue Freunde kennen.

Registrieren / Login

52.5234051,13.4113999

Wirtschaftnachrichten in Bild und Ton

Lokale Wirtschaft

Untersuchung: Auf lange Sicht positive Entwicklung am Arbeitsmarkt in Offenbach
Gute Aussichten für Offenbach

Frankfurt ‐ Der hessische Arbeitsmarkt ist gut durch die internationale Wirtschaftskrise gekommen. Diese Einschätzung vertrat Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, gestern in Frankfurt. Von Marc KuhnMehr...

Interview mit Wolfgang Kramwinkel und Helmut Geyer von der Kreishandwerkerschaft Offenbach
Viele Lehrstellen offen

Offenbach - Kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres haben die Handwerker in Stadt und Kreis Offenbach noch Schwierigkeiten, offene Lehrstellen zu besetzen. Von Marc KuhnMehr...

Ältere Arbeitslose finden wieder neue Jobs
Ältere Arbeitslose finden wieder neue Jobs

Offenbach - Mehr als 210 ältere Langzeitarbeitslose haben in diesem Jahr über die Initiative „Chance 50 plus“ wieder eine feste Stelle gefunden.Mehr...

Politik

CDU kritisiert Brüderle wegen Umfrage-Tief
Umfrage-Tief: CDU wettert gegen Brüderle

Berlin - Der Absturz der Union in einer Umfrage unter die 30-Prozent-Marke hat in der CDU Unruhe und neue Kritik an Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) ausgelöst.Mehr...

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann will bundesweit einheitliches Schulgesetz
NRW-Ministerin will bundesweit einheitliches Schulgesetz

Köln - Die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann (Grüne), hat sich für ein bundeseinheitliches Schulgesetz ausgesprochen.Mehr...

Russischer Geheimdienst bekommt mehr Macht
Russischer Geheimdienst bekommt mehr Macht

Moskau - Der russische Präsident Dmitri Medwedew hat am Donnerstag das umstrittene Gesetz über die Ausweitung der Machtbefugnisse des russischen Geheimdienstes FSB unterzeichnet. Vorbeugende Verhaftungen gehören dazu.Mehr...

LokalesNachrichtenSportCommunityFreizeitServiceMarktplatzZeitung

Artikel lizenziert durch © op-online
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.op-online.de