Wir haben in der Krise lernen müssen, dass die Finanzindustrie die abenteuerlichsten Spekulationsangebote machen darf, um Geld zu verdienen. Die Konstrukte sind so verrückt, dass selbst die Bündelung von Schrottpapieren noch Gewinn verspricht. Von Frank Pröse
Es findet sich offenbar leicht immer noch ein Dummer, der den Schrott im Vertrauen darauf kauft, einen noch Dümmeren zu finden… Manchmal geht diese Rechnung eben auch nicht auf. Dann wird händeringend jemand gesucht, der die Verluste übernimmt. Und als hohe Kunst in diesem Geschäft gilt es, die Miesen zu sozialisieren.
Das Publikum ist also einiges gewöhnt, besser: es hat sich daran gewöhnen müssen bei der immerwährenden Jagd nach Rendite. Ein Produkt der Deutschen Bank schießt jetzt freilich den Vogel ab. Der Fonds heißt „db Kompass Life 3“ und dürfte inzwischen 200 Millionen Euro bei Kleinanlegern eingesammelt haben. Der Fonds trägt das Leben im Namen, doch es geht um den Tod, spekulieren Anleger doch auf das Sterben von Menschen. Je kürzer die Restlebensdauer, desto höher fällt die Rendite aus.
Menschenverachtend sei dieses morbide Geschäftsmodell, urteilt die Ombudsstelle des privaten Bankenverbandes und erntet damit viel Zuspruch. Ihrer Ansicht nach muss ein Gericht klären, ob die Wette auf die Lebensdauer eines ausgewählten Personenkreises sittenwidrig ist. „Bestimmte Menschen werden instrumentalisiert, um Kapitalanlegern oder der Emittentin und den Verkäufern der Anlage eine Rendite zu verschaffen“, kritisierte die Ombudsstelle.
Bei der dritten und jetzt so heftig kritisierten Variante 3 gibt es keine Versicherungen, keine Versicherungspolicen und keine Ablaufleistungen. Es wird aber anhand der auf Sterbetafeln fußenden versicherungsmathematischen Formeln auf die Restlebensdauer von 500 US-Amerikanern spekuliert. Die Wette lautet: „Wie lange leben die Referenzpersonen?“
Fazit: Bei der Wette auf die restliche Lebensdauer fällt die Rendite umso höher aus, je früher die Menschen sterben. Ist diese Art der ökonomischen Denke wirklich mit der Menschenwürde vereinbar? Kann man sich als Anleger darauf berufen, nicht gewusst zu haben, was man da gekauft hat? Es mag den einen oder anderen geben, der sich hat überrumpeln lassen. Andere dagegen kämpfen selbstbewusst beispielsweise mit der Schutzvereinigung „db Kompass Life Fonds“ gegen die ihrer Meinung nach zu geringe Rendite an. Die Deutsche Bank habe veraltete Sterbetafeln zugrunde gelegt, heißt es. Da die Lebenserwartung immer weiter steige, führe eine veraltete Sterbetafel mit einer geringeren Lebenserwartung zu geringerer Rendite, so der Vorwurf. Auf Basis der veralteten Statistiken sei von vornherein klar gewesen, dass allein die Bank eine Rendite erzielen könne. Da artikuliert sich Frust darüber, dass die Versicherten nicht so schnell sterben wollen, wie es versprochen wurde...
Die Vertretung der deutschen Policenaufkäufer sieht das natürlich ganz anders und weist via „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ die Kritik an dem Fonds zurück. „Das Geschäftsmodell solcher Fonds ist aus unserer Sicht moralisch unbedenklich“, so Christian Seidl, Vorsitzender des Bundesverbands Zweitmarkt Lebensversicherungen (BVZL). „Sonst könnte man ja auch jeden Rentenversicherer dafür kritisieren, dass er vom frühen Tod profitiert.“
Rubriklistenbild: © dpa


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