Abgelehnt und abgewertet

Leben mit vier Kindern im Frauenhaus

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Zwei Zimmerchen mit Etagenbetten: Auf engstem Raum leben Luteta G. und ihre vier Kinder im Offenbacher Frauenhaus.

Offenbach - Zwei kleine, enge Zimmer mit grauem, rissigen PVC-Boden und Stockbetten. In einer Ecke ein winziger Schreibtisch, in einer anderen ein Schrank. Nur noch Gemeinschaftsbad und -küche. Mehr nicht. Die Unterkunft erinnert an eine Jugendherberge. Von Veronika Schade

Ein Ort, an dem man nur kurze Zeit verweilt. Doch Luteta G. (Name von der Redaktion geändert) und ihre vier Kinder wohnen schon seit fast zweieinhalb Jahren dort. Das Offenbacher Frauenhaus war für die aus Nordafrika stammende 35-Jährige mit bildhübschem Gesicht und scheuem Lächeln und ihre Kinder die einzige Zuflucht, als die Gewalt durch den Ehemann eskalierte. Doch was anfangs zum eigenen Schutz unabdingbar war, ist zu einer Dauerlösung geworden, unter der alle leiden. Seit zwei Jahren sucht die Familie eine Wohnung. Ohne Erfolg.

Margareta Sticksel vom Vorstand des Vereins „Frauen helfen Frauen“, der das Frauenhaus betreibt, durchforstet jede Woche Wohnungsanzeigen. Sie hat schon unzählige Anrufe getätigt. „Die Reaktionen sind ablehnend und oft auch abwertend“, berichtet sie. Eine dunkelhäutige Frau aus dem Frauenhaus, die von Hartz-IV lebt, nur gebrochen Deutsch spricht und dazu noch vier Kinder hat – das schreckt die Vermieter ab. Dann bekomme die Anruferin schon mal zu hören, sie solle sich wieder melden, sobald sie eine Wohnung für eine Bankerin suche. In zwei Jahren kam es zu sieben Besichtigungen. „Alles allgemeine Termine mit etwa 30 anderen Interessenten“, so Sticksel. Ihre Erfahrung zeigt, dass Vermieter selbst für große Wohnungen kinderlose Paare bevorzugen.

Vor Freunden den Wohnort verheimlichen

Weitere Infos:

www.frauen-helfen-frauen-offenbach.de; frof@gmx.de

Kontakt: Tel.: 069/816557

Vor allem für die Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren ist das Leben im Frauenhaus eine Belastung. Ihnen fehlen Rückzugsmöglichkeiten und ein ruhiger Platz für Hausaufgaben. Besonders schlimm: Sie müssen vor Freunden ihren Wohnort verheimlichen, sich Ausreden einfallen lassen, dürfen niemanden nach Hause einladen. „Das frustriert die Kinder. Dazu kriegen sie im Haus das ganze Konfliktpotenzial mit“, erklärt ihre Betreuerin. „Sie glauben gar nicht mehr daran, von dort rauszukommen.“ Die jüngste Tochter, zwei Jahre alt, hat nie ein anderes Zuhause kennengelernt. Zwölf Zimmer mit 32 Betten hat das Frauenhaus. Derzeit leben dort elf Frauen mit ihren Kindern. Damit ist es voll. In diesem Jahr gelang es keiner einzigen Bewohnerin, eine Wohnung zu finden. Die durchschnittliche Verweildauer wird immer länger. „Wir können daher keine Frauen aufnehmen, die akut bedroht sind“, bedauert Sticksel. Dabei sollten Frauenhäuser nur eine Übergangslösung sein. Bis die Gefahr durch den Partner gebannt ist und die Frau und ihre Kinder wieder eigenständig und sicher leben können. Nach spätestens einem Jahr ist meist Ruhe eingekehrt.

So auch bei Luteta G. Ihre Situation ist stabil. Sie lernt deutsch, besucht täglich einen Sprachkurs. Ihr Ziel ist, Arbeit zu finden, den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. „Ich habe Hochachtung vor ihr“, sagt Sticksel, die Luteta G. in den fast zweieinhalb Jahren spürbar ins Herz geschlossen hat. „Sie war in einer extremen Stresssituation, als sie hierherkam, hatte drei Kinder, war hochschwanger, wurde bedroht.“ Doch sie habe ungewöhnliche Stärke aufgebracht und stets nach vorn geschaut. „Sie ist eine liebevolle, aber erziehungsstarke Mutter. Und eine ausgezeichnete Köchin“, ergänzt sie lächelnd.

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Die Unmöglichkeit, eine Wohnung zu finden, schmerzt alle. Selbst bei den öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften mit Schwerpunkt auf Sozialwohnungen hatte Luteta G. bisher keinen Erfolg. „Die Familie ist seit zwei Jahren bei allen Offenbacher Wohnungsbaugesellschaften angemeldet. Aber bei bis zu 300 Bewerbungen für eine Wohnung nehmen sie lieber jemand anderen“, weiß Sticksel. Begründet werde dies mit Dringlichkeit. „Was könnte noch dringender sein als das?“, fragt sie.

Aber die Helferinnen von „Frauen helfen Frauen“ geben nicht auf. Sie suchen weiter, rufen an, werden abgewimmelt, probieren’s wieder. Vier Zimmer sollten es für Familie G. schon sein. Vorzugsweise in Offenbach, wo die Kinder zur Schule gehen und ein soziales Umfeld aufgebaut haben. Sticksel hofft auf ein Weihnachtswunder. Und weiß jetzt schon: „Wenn die Familie auszieht, werde ich gleichzeitig Freuden- und Schmerzenstränen weinen.“

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