Abrissarbeiten am Klinikum

Knabbern am Unzerstörbaren

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Sprengmeister Hans-Jürgen Rieß steckt die Zünder in die Sprenglöcher, die nach einem bestimmten Muster in die Decke gebohrt wurden.

Offenbach - Wie zerstört man etwas, das gebaut wurde, um unzerstörbar zu sein? Mit Ausdauer, Köpfchen und Kraft – und den entsprechenden Maschinen. Von Veronika Schade 

So geschieht es zurzeit auf dem Gelände des Sana-Klinikums, wo ein Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht wird.

Der Abriss dieses Gebäudes und der angrenzenden Wäscherei wurde vom Sana-Konzern bereits beim Erwerb des Offenbacher Klinikums als eine von zahlreichen Umbaumaßnahmen beschlossen. Der Bunker befindet sich auf halbem Weg zwischen Parkhaus und Neubau, steht also dem geplanten repräsentativen und direkten Entrée genau im Weg. Beauftragt mit den Abbrucharbeiten ist die Offenbacher Firma Zeller.

Diese ist mit den Tücken von Bunkern bestens vertraut, nimmt deutschlandweit Aufträge für diese spezielle Herausforderung entgegen. Die massiven Klötze aus meterdickem Stahlbeton dienten dem Schutz der Bevölkerung vor Luftangriffen. Sie sind also ziemlich unerschütterlich. „Dieser Bunker ist relativ schmal“, sagt Simon Zeller, Leiter des Abbruchprojekts am Klinikum. „Die Außenwände sind 1,10 Meter breit, die Luftschutzdecke 1,40 Meter. Die meisten Bunker haben noch größere Stärken und Dimensionen, wir hatten schonmal 3,50.“

Jeder Schritt will sorgfältig geplant sein. „Hier ist eine besondere Schwierigkeit, dass sich das Gebäude B direkt dahinter befindet“, erläutert Zeller. Dort geht der Tagesbetrieb normal weiter. Besondere Vorsicht ist also geboten, um dabei möglichst wenig zu stören, geschweige denn dem Altbau Schäden zuzufügen.

Abrissarbeiten am Luftschutzbunker

Abrissarbeiten am Luftschutzbunker

Der erste wichtige Abschnitt der Abbrucharbeiten ist die Schwächung der Decke. Dafür wird ihr Querschnitt mittels Sprengung von 1,40 auf einen Meter verringert. Erst danach kann der „NPK Betonbeißer“, ein großer Abbruchbagger, seine Arbeit aufnehmen, auf die der 85-Tonnen-Koloss momentan noch geduldig in nicht fertig aufgebautem Zustand wartet. „Er knabbert die Reste ab“, sagt Zeller mit stolzem Blick auf die Schere, die allein zwölf Tonnen wiegt und sich 2,20 Meter weit öffnet. „Es ist die größte Abbruchschere in Europa.“

Noch aber ist viel Geduld und Genauigkeit gefordert. Sprengmeister Hans-Jürgen Rieß, seit 25 Jahren im Betrieb, legt fest, wo das Bohrgerät Löcher in die Decke setzt, in die später die Sprengkörper eingeführt werden. „Das Sprengmaterial ist dumm und faul, es sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstands“, erklärt Rieß. Es muss in die richtigen Bahnen geleitet, das Muster der Bohrlöcher daher exakt festgelegt werden. Dämmmatten aus zerschnittenen Lkw-Reifen werden zur zusätzlichen Sicherheit und Schalldämmung darüber gelegt, bevor die Patronen gezündet werden. „Wir machen eine Erschütterungsprognose, um zu wissen, wie groß die Lademengen sein dürfen“, erklärt Zeller.

Danach wird die nähere Umgebung abgesperrt, damit keine Passanten sich während der Sprengung zu nah am Gebäude aufhalten. Dann nimmt Zeller die Zündmaschine, misst erneut, gibt ein Signal mit der Tröte – und betätigt die Kurbel. Die kontrollierte Kraft der Explosion schlägt viele feine Risse ins Dach, in den unteren Etagen sammelt sich Schutt. „Genau so wollen wir das haben“, sagt er zufrieden.

Abbrucharbeiten dauern bis Ende Juni

Die Abbrucharbeiten haben bereits im Februar begonnen. Sie sollen bis Ende Juni dauern. 20 Mann arbeiten auf der Baustelle. Mit dem Abbruch des Bunkers geht ein 74-jähriges Kapitel Klinikum-Geschichte zu Ende. In den Jahren 1941/42 wurde der Luftschutzbunker für 970 000 Reichsmark für den Zweck erbaut, während des Kriegs als Ausweichstation des Klinikums zu dienen. In seinem Inneren befanden sich Krankenräume, zwei Operationssäle mit Sterilisation, ein Röntgenraum, eine Notstromanlage und ein Notwasserraum, eine eigene Heizungsanlage sowie Aufenthalts- und Schlafräume für Personal.

Die Bundesrepublik Deutschland übertrug im Jahr 1961 den Bunker an die Stadt Offenbach. Das städtische Klinikum baute darin 1971/72 seine Strahlenklinik und Nuklearmedizin auf. Ein weiterer Umbau von drei Bettenstationen folgte 1993/94. Seit dem Umzug in den Neubau im Jahr 2010 ist der Bunker ungenutzt.

Wann der alte Klinik-Zentralbau, das einstige Bettenhochhaus, abgerissen wird, steht indes nicht fest. „Erst muss die Apotheke umgezogen sein“, sagt Klinik-Sprecherin Marion Band. Auf dem Gelände werde ein passender Platz für die Pharmazie gesucht. Ende 2016 könnte der Umzug realistisch sein. Danach erst kann der Abbruch beginnen. Und der wird noch aufwändiger sein als der des Bunkers...

31 Bunker abgerissen

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