Ärger nach Wohnungskauf

Barrierefrei heißt nicht rollstuhlgerecht

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Mit einem Rollstuhl nicht zu überwinden, aber eine streng nach DIN 18195 gebaute Schwelle.

Offenbach -  Das „Wohnen am spitzen Eck“ ist ausverkauft. Investor Michael Dietrich hat die 61 Eigentumswohnungen, die auf dem Gelände des Parkplatzes an Karlstraße und Großem Biergrund entstanden sind, an Frau und Mann gebracht. Irritationen in einem Fall bewirkte nun der Umstand, dass die Einheiten als „barrierefrei“ vermarktet wurden. Von Thomas Kirstein 

Ines R. hat im April 2015 über die Sparkasse eine Zweizimmer-Wohnung erworben, um sie an eine Freundin zu vermieten, die seit 13 Jahren im Rollstuhl sitzt. Dass sie deshalb Wert auf Barrierefreiheit lege, so sagt sie heute, habe sie immer deutlich gemacht. Beim Abnahmetermin stellte sie fest, dass der Balkon für einen mobilitätseingeschränkten Mensch nicht nutzbar ist, da die Türschwelle einen derart großen Höhenunterschied aufweist, dass sie sich mit Rollstuhl nicht überfahren lässt. Rund 15 Zentimeter sind’s von drinnen nach draußen. Sie wies auf „diesen Misstand“ hin und erfährt, zu ihrer Empörung: Balkone seien grundsätzlich nicht barrierefrei geplant. Weil sie die Wohnung trotzdem für die Freundin nutzbar machen will, entscheidet sie sich zu Umbauten; der Kostenvoranschlag des Schreiners beläuft sich auf rund 4000 Euro.

Der Verdacht einer Fehlplanung lag nah. Die Nachfrage der Zeitung bei einem neutralen, in Sachen seniorengerechte Projekte erfahrenen Bauträger erbringt aber Überraschendes: 15 Zentimeter sind kein Mangel, sondern im Gegenteil nach DIN 18195 als Mindestabschlusshöhe vorgeschrieben. Das soll das Eindringen von Wasser verhindern und dem Schutz der Baukonstruktion dienen. Insofern ist die Planung „am spitzen Eck“ regelkonform gewesen. Wäre anderes gewünscht gewesen, hätte es der Bauträger vorgeben müssen. Dem Kriterium „barrierefrei“ widerspreche das übrigens nicht, sagt unser Gewährsmann, der übrigens bei seinen Objekten annähernde Niveaugleichheit herstellen lässt. Um nun einen Mangel geltend zu machen, hätte explizit „rollstuhlgerecht“ angegeben sein müssen.

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Die Begriffsverwirrung dürfte auch bei den Gesprächen zwischen Ines R. und dem Verkaufsmitarbeiter, der kaum die tatsächlichen gegebenheiten gekannt haben dürfte, zum Tragen gekommen sein: Die eine Seite machte unmissverständlich klar, dass die Nutzung durch eine Rollstuhlfahrerin Zweck des Kaufs war; für die andere Seite stand außer Frage, dass die Eignung gegeben war. Der Konflikt ist indes durch Kulanz beigelegt: Der Bauträger erklärte sich bereit, sich an den Kosten für eine besser für den Rollstuhl geeignete Umgestaltung des Balkons zu beteiligen.

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