Wenig Hilfe von der Justiz

Leons Bande knackt munter weiter Automaten

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Fast schon alltägliches Bild auf den S-Bahn-Stationen der Region: Getränke- und Imbissautomaten sind häufig außer Betrieb – nicht unbedingt aufgrund von klassischem Vandalismus, sondern wegen Versuchen, an die Geldkassetten zu gelangen.

Offenbach - Die Serie der Automatenaufbrüche entlang der regionalen S-Bahn-Strecken reißt nicht ab. Sie hat sich sogar drastisch ausgeweitet. Von Thomas Kirstein

Die als Generalunternehmer der Bahn betroffene Offenbacher Firma Automaten Hofmann hat im ersten Quartal 2015 zehnmal soviel Attacken auf ihre Geräte registriert wie in den ersten drei Monaten 2014. Frank Hoppe ist eine gewisse Verzweiflung anzuhören, die sich seit unserem Bericht vom 29. Januar noch vertieft hat. Der Technikleiter von Automaten Hofmann muss inzwischen nahezu täglich Meldungen über aufgebrochene Getränke- und Imbissautomaten entgegennehmen: Hundert sind es bis Ende März gewesen. Die Firma am Reichertweg, die Stationen in vier Bundesländern bestückt, hat längst eine Kraft eingestellt, die nur mit den Folgen der Attacken beschäftigt ist.

Der Zettel „Wegen Vandalismus kurz außer Betrieb“ hinter den vergitterten Scheiben der Automaten zählt inzwischen zum vertrauten Anblick für S-Bahn-Pendler zwischen Mainz und Rödermark. Das sind die weniger drastischen Fälle, in denen die Geräte wieder repariert werden können. Hoppes Mischkalkulation aus Reparatur und Neuanschaffung (ein Totalschaden kostet 7000 Euro) geht von 700 Euro Schaden pro Fall aus. Von Januar bis Ende März summierte sich das – keine Versicherung übernimmt das Risiko – auf etwa 70.000 Euro, nicht eingerechnet Umsatzverluste und weitere Nebenkosten. Einen Großteil der Aufbrüche verbucht die Firma auf dem Konto einer Gruppe Jugendlicher aus dem Offenbacher Raum, die auf den S-Bahn-Strecken unterwegs ist. Dank Hinweisen von Reisenden – teils sogar Handyvideos – und aus dem Umfeld der mutmaßlichen Automatenknacker können Frank Hoppe und seine Kollegen der zuständigen Bundespolizei Namen weiterleiten. Das führt zu Vernehmungen, welche die Ergebnisse von etlichen Festnahmen auf frischer Tag komplettieren. Die verdächtigten Jugendlichen sind 14 bis 18 Jahre alt.

Trotz Bewährung auf Diebestour

Als treibende Kraft gilt der 18-jährige Leon K., dessen Umtriebe seit Mitte 2014 als Ursache für eine massive Steigerung der Fallzahlen gelten. Der junge Mann aus Bieber ist inzwischen zu anderthalb Jahren auf Bewährung verurteilt, wurde danach aber wieder aufgegriffen: Nachts hatte er in der S-Bahn-Station Marktplatz Waren bei sich, die aus einem geknackten Automaten stammten. Eine Bewährung ist durch solch eine mutmaßliche Wiederholung nicht verwirkt, wie der Offenbacher Amtsrichter Manfred Beck erläutert. Das könnte erst in einem neuen Verfahren passieren, aber auch da seien alle bis dahin eingetretenen Umstände neu zu bewerten. Inzwischen hält sich Serientäter Leon K. auffallend zurück. Seine unverkennbare, brachiale Methode aber funktioniert weiter. Diverse Kumpel, die schon gemeinsam mit ihm geschnappt wurden, ersetzen ihn voll und ganz. Die Bundespolizei in Frankfurt führt sieben „dringend Tatverdächtige“.

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Ein Beispiel: Der minderjährige Kevin S. aus Obertshausen, der bereits in einer Vorverhandlung verwarnt worden sein soll, wird am 1. März mit zwei Kollegen beim Aufbruch zweier Marktplatz-Automaten gestellt. Dort ertappt ihn eine Hofmann-Mitarbeiterin am 2. März erneut, diesmal mit zwei anderen Kumpanen. Das Trio flüchtet, die Bundespolizei stellt es in der S-Bahn-Station Kaiserlei. Frank Hoppe hat Hinweise darauf erhalten, dass der harte Kern versucht, neue Mittäter zu rekrutieren. Was in einigen Fällen, bei Leon K. etwa, der Beschaffungskriminalität zuzuordnen ist, könnte in anderen auch auf jugendliche Mutproben hinauslaufen.

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Aus dem Verkehr zu ziehen ist die Bande nicht. Der Leitende Oberstaatsanwalt in Offenbach, Dr. Axel Kreutz, führte im Januar gegenüber unserer Zeitung „Verhältnismäßigkeitsgründe“ an, die bei Jugendlichen gegen einen Haftbefehl wegen Wiederholungsgefahr sprächen. „Was muss noch alles passieren, um dieser kleinen Gruppe von Intensivtätern Einhalt zu gebieten?“, fragt Hofmann-Technikchef Hoppe und fügt hinzu: „Mich würde interessieren, was der Herr Oberstaatsanwalt sagen würde, wenn immer dieselbe Person alle paar Tage sein nicht kaskoversichertes Auto aufhebeln würde, ohne bestraft zu werden.“

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