Brutale Sponsoren-Suche

Offenbach ‐ Das als „Fight Club“ firmierende KampfSportstudio in der Großen Marktstraße stellt auf seiner aufwändigen Internet-Seite viele derjenigen vor, die sich als Sponsoren verdient machen. Von Thomas Kirstein

Folgt man der Offenbacher Staatsanwaltschaft und der Kriminalpolizei, dann haben sie nicht freiwillig finanzielle Beiträge geleistet. Vielmehr sollen die meist türkischstämmigen Betreiber von Spielotheken, Wettbüros, Kiosken, Gaststätten, Telecafés und einem Hotel durch massiven Druck seitens zweier Landsleute und ihrer Helfershelfer zu regelmäßigen Zahlungen genötigt worden sein - aus anfänglich 50 Euro im Monat wurden bald 300.

Klarer Fall von Schutzgelderpressung, meinen Ankläger und Ermittler. Als Drahtzieher und Hauptakteure gelten die als Kampfsport-Trainer tätigen Zwillinge, beide 1977 in Offenbach geboren und türkische Staatsbürger.

Der Kickbox-Europameister eines obskuren Verbands, sitzt aufgrund eines internationalen Haftbefehls seit vergangener Woche in französischer Haft und soll demnächst ausgeliefert werden. Nach Devrim, dem Deutschen Meister, wird noch gefahndet.

Andere Anzeigen gegen die als skrupellos geltenden Brüder dürften bereits einen Meter Aktenschrank bei der Offenbacher Polizei füllen. Es geht um Erpressung, Raub, Körperverletzung - sie selbst rühmten sich sogar des Totschlags. Seit mindestens 2006 sollen sie ihren Ruf ausgenutzt haben, um Geschäftsleute in der Region einzuschüchtern und insgesamt einen sechsstelligen Betrag einzutreiben.

Reichte das Image allein nicht als wirkungsvolle Drohung aus, hatten die Läden zu leiden. Eingeschlagene Scheiben oder der bestialische Gestank von per Stinkbombe verabreichter Buttersäure machten bald aus Schutzgeld-Verweigern willige Fight-Club-Sponsoren.

Massenkeilerei mit Stichen und Schüssen

Am 25. Oktober 2009 ging es dann körperlich zu Sache. Tags zuvor hatten die Zwillinge einen Kioskbesitzer in der Herrnstraße heimgesucht. Als der nicht zahlen wollte, schickten die Brüder einen Schlägertrupp: Der traf jedoch auf kräftige Freunde des Geschäftsmanns. Es kam zu einer Massenkeilerei, bei der ein 20-jähriger aus Hanau durch Stiche lebensgefährlich verletzt wurde und auch Schüsse fielen.

Die folgenden Ermittlungen deckten das Schutzgeld-Szenario auf. Beamte der „Arbeitsgruppe Kiosk“ putzten die Klinken in der Nachbarschaft und trafen teils auf zutiefst verängstigte Kaufleute, die offensichtlich mehr wussten, als sie zugeben wollten. „Aus Angst vor Repressalien der beiden Brüder vertrauten sich viele zunächst den Beamten nicht an“, berichtet Polizeipräsident Heinrich Bernhardt und schiebt einen Appell nach: „Schutzgelderpressung kann nur ein Ende finden, wenn die Polizei eingeschaltet wird. Wer aus Angst vor den Erpressern schweigt, wird Opfer bleiben.“

Die Ermittler hegten bald den Verdacht, dass die Kampfsportschule den Brüdern nur Fassade fürs Schutzgeldgeschäft war und ihnen dazu diente, „Kämpfer“ für ihre wechselnden, bis zu 20 Mann starken Trupps auszubilden. Die Einnahmen aus den moderaten Mitgliedsbeiträgen des „Fight Clubs“ lagen unter den monatlichen Mietzahlungen; die bescheidenen Trainergagen passten nicht zum leistungsstarken Mercedes CLS und zum 6er BMW.

Verbündeter in Polizeikreisen?

Jetzt half den Brüdern auch nicht mehr, dass sie offenbar in Polizeikreisen einen Verbündeten hatten. Laut Oberstaatsanwältin Annette von Schmiedeberg könnte ein Offenbacher Kripomann mit ihnen unter einer Decke gesteckt haben. Gegen den Beamten „mittleren Dienstalters“, nach unseren Informationen bis zur Suspendierung in einem für solche Delikte zuständigen Kommissariat tätig, wird wegen Bestechlichkeit und Geheimnisverrat ermittelt. Mit den Schutzgeld-Delikten selbst soll er nichts zu tun gehabt haben.

Gestern blies die Polizei zur groß angelegten Razzia. Die Ordnungshüter durchsuchten zehn Häuser und Geschäfte, zu denen, wie es heißt, „die tatverdächtigen Brüder Bezug hatten“. Darunter waren der „Fight Club“ in der Gasse hinter dem ehemaligen Gloria-Kinocenter sowie Wohnungen von Familienangehörigen und Partnerinnen, in denen sich verborgene Beweismittel finden könnten. Es besteht der Verdacht, dass die Schutzgeld-Nummer einen größeren Clan ernährt hat.

Nachdem Haftbefehle gegen die Zwillinge erlassen worden waren, setzten sie sich ins Ausland ab. Einer wurde beim Grenzübertritt von Frankreich nach Italien geschnappt, gefälschte Papiere halfen ihm nicht. Oberstaatsanwältin Annette von Schmiedeberg erhofft nun Hinweise auf den Flüchtigen unter der Kripo-Hotline 069 80981234.

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