Leben ohne Gurtpflicht

Buchpreisträger Frank Witzel liest im Bücherturm

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Praktisch ein Heimspiel: Frank Witzel bei der Lesung in Offenbach.

Offenbach - Schon der Titel verrät: Frank Witzel hat Humor. Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ heißt sein Roman, der dem Autor nicht nur den Robert-Gernhardt-Preis, sondern auch den Deutschen Buchpreis 2015 einbrachte. Am Dienstag las der bekennende Offenbacher im Bücherturm. Von Maren Cornils

„„Ich werde immer gefragt, wann ich nach Berlin ziehe. Aber dort könnte ich nicht arbeiten. In Offenbach geht das sehr gut – besonders bei Ostwind“, beginnt Witzel. Dann legt er mit einer Verfolgungsjagd-Passage los: Drei Jugendliche fliehen vor der Polizei – bewaffnet mit Wasser- und Erbsenpistole. Ohnehin gibt es bei der rund einstündigen Lesung viel zu schmunzeln. Denn Witzels Protagonist, ein dreizehnjähriger Ich-Erzähler, steckt mitten in der Pubertät – und das 800 Seiten lang. „Ich kann schon nachvollziehen, dass man das Buch erstmal beiseitelegt und auf eine Lungenentzündung wartet, die es erlaubt, ausgiebig zu schmökern“, zeigt Witzel Verständnis für diejenigen, die sein episch langes Werk noch nicht gelesen haben.

Dabei steckt so viel drin. Im nächsten Kapitel etwa präsentiert der Autor die nachdenkliche Seite des Ich-Erzählers. Dieser lässt sich über einen Klassenkameraden aus und schwärmt von musikalischen Idolen wie „The Who“, John Lennon oder Jimi Hendrix.

Der Roman zeichnet ein Jahrzehnt zwischen Spießigkeit und Aufbruch, zwischen Nachkriegstrauma und Studentenbewegung. Dass Witzel, Jahrgang 1955, seine Erzählung mit Lokalkolorit färbt und ebenso wie sein „Held“ in Wiesbaden geboren ist, macht die Geschichten glaubwürdiger. Zuhörer raunen zustimmend, wenn Witzel an Marken wie Bluna, Bazooka-Jo oder „Fury“-Heftchen erinnert oder im Rückblick schildert, wie 1969 ein Leben „ohne Gurtpflicht und Kindersitz“, dafür mit rigiden Ladenschlusszeiten beim „Wienerwald“ aussah.

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Wie vielschichtig der Roman ist, wird bei den Verhörszenen deutlich, mit denen Witzel sein Buch zu strukturieren versucht. Hier zeigt Witzel, wie schon 2003 in „Revolution und Heimarbeit“, dass er die Kunst der verschlungenen Erzählführung und das Einweben abstruser Geheimdienstszenarien perfekt beherrscht. Wem es gelingt, ihm dabei zu folgen, der wird die 800 Seiten, von der Buchpreis-Jury zurecht als „maßloses Romankonstrukt“ gelobt, geradezu verschlingen – ganz ohne, dass es dazu einer Lungenentzündung bedürfte.

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