Anfeindungen in Erstaufnahmeeinrichtung

Bürokratie-Bremse: Christen-Familie aus Irak ohne Wohnung

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Mutter Rana und Vater Salam Qader mit ihren sechs- bis 17-jährigen Kindern Farah, Mariam, Lorna, Jussef und Midia sowie dem 18-jährigen Adoptivsohn Amal. Wenn es der gesundheitliche Zustand der Mutter erlaubt, kommen sie jeden Sonntag in die Kirche Sankt Peter. Dort haben sie Hilfe und ein Stückchen Heimat gefunden.

Offenbach - Die Familie Qader ist vor einem Jahr aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet. Lebte auch im Offenbacher Lager, fand Anschluss in der Gemeinde St. Peter. Nun wünschen sich Vater, Mutter und die fünf Kinder endlich einen Neustart. Von Sarah Neder 

Mit eigenen Räumen für Rückzug, Ruhe. Fast wäre das schon in Erfüllung gegangen. Doch die Bürokratie stellt ihnen ein Bein. Wie jeden Sonntag seit einem knappen Jahr sind die Qaders zum Gottesdienst in die katholische Gemeinde Sankt Peter an der Berliner Straße gekommen. Im Oktober 2015 haben sie ihre Heimat, den Irak, verlassen, sich auf die Route in eine bessere Zukunft gemacht. Über die Türkei gelangen sie ans Meer, per Boot dann nach Europa. Auf der Flucht nehmen sie den damals 17-jährigen Amal auf. Er ist ebenfalls Christ. Nun sind sie zu acht. Wie immer bleiben die Qaders nach der Messe noch einige Zeit im Pfarrheim. Es gibt Kaffee und Gespräche. Mit Pfarrer Janusz Pietrowski oder anderen Gemeindemitgliedern. Die Kirche ist für sie wie ein Zuhause – nicht nur was den Glauben betrifft. Denn die Familie hat bis heute keine eigene Wohnung.

Als die Familie 2015 in Deutschland ankommt, wird sie der Erstaufnahmeeinrichtung am Kaiserlei zugeteilt. Die frommen Iraker finden schnell Anschluss in der katholischen Gemeinde nur einige Gehminuten vom Lager entfernt. Mutter Rana ist damals schon schwer krank, ein Nierenleiden. Sie muss mehrmals im Offenbacher Sana-Klinikum behandelt werden. Weil die Flüchtlingsunterkunft aufgelöst wird, kommt die ganze Familie zunächst über Hanau und Wallau in eine Gemeinschaftsunterkunft in Frankfurt. Eine von der Sorte, in der Betten nur durch Vorhänge getrennt werden. Dort lebt die Familie bis heute. Für eine achtköpfige Familie eine Wohnung zu finden, sei nicht leicht, heißt es seitens der Stadt Frankfurt. In diesem Fall aber eröffnete sich eine Möglichkeit. Zumindest theoretisch. Denn die Gemeinde St. Peter hat eine von der Größe geeignete Bleibe gefunden: Das Bistum Mainz würde ein Appartement in der Taunusstraße in Offenbach stellen. Dort könnten die Qaders ein Jahr lang mietfrei leben. Bedingung: Jemand muss für die Neben- und Sozialkosten der Familie aufkommen.

Doch dieser Deal kommt nicht zustande. Denn die Stadt Frankfurt, der die irakischen Christen vom Land Hessen zugewiesen wurden, will nicht bezahlen, weil die Kirchenwohnung in Offenbach liegt. Stattdessen haben die Frankfurter beim Regierungspräsidium beantragt, die Qaders Offenbach zuzuteilen. Die Stadt aber lehnt es ab, das zu übernehmen, was Frankfurt bislang zahlt. Auch wegen Schutzschirm-Auflagen und bereits übererfüllter Asylantenquote. Gabriele und Rainer Türmer, die sich auch außerhalb ihrer Gemeinde St. Peter für Flüchtlinge engagieren und als Sozialdemokraten einen guten Draht zu Frankfurts Oberbürgermeister haben, sind fassungslos, als Peter Feldmann ihnen eine Absage erteilt.

Flüchtlingsunterkunft am Kaiserlei: Bilder

„Man hätte nur einen Schritt neben die gewohnten Gleise treten müssen“, sagt die Oberstaatsanwältin Gabriele Türmer zornig. Auch für Offenbachs Sozialamtschef Hans-Günter Neidel wäre in diesem Fall eine Ausnahme möglich gewesen: „Die Stadt Frankfurt hätte die Wohnung des Bistums als Dependence behandeln können; da wären wir einverstanden gewesen.“ Manuela Skotnik, Sprecherin der Frankfurter Sozialdezernentin, aber sagt: „Wir können nicht irgendwas mauscheln.“ Sie verweist aufs Integrationsgesetz: „Asylbewerber können nur in der Stadt wohnen, der sie vom RP zugeteilt wurden; außer man beantragt eine Umverteilung.“ Da Offenbach das jedoch abgelehnt habe, müsse die Familie warten, bis sich in Frankfurt eine Bleibe findet.

Trost finden die Qaders weiter in St. Peter. Vor allem bei Familie El Haddad, die aus dem Libanon stammt. Vater Georges besucht sie mindestens einmal in der Woche, regelt Papierkram, geht mit zu Ämtern, übersetzt. Es sei tragisch, dass die Qaders noch keine eigene Wohnung hätten, sagt er. Zum einen, weil sie so nicht in der Gesellschaft ankommen könnten. Zum anderen, weil die Lage im Camp oft schwierig sei. Die hygienischen Zustände etwa ließen zu wünschen übrig. Deshalb habe die Mutter lange nicht operiert werden können. Die Ärzte hielten das Infektionsrisiko für zu hoch. „Beinahe wäre sie Dialyse-Patientin geworden“, wirft Randa El Haddad ein.

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Die Stadt Frankfurt hat der Mutter wegen dieser Notlage immerhin kurzfristig eine Ein-Zimmer-Wohnung besorgt, aber nur für einen begrenzten Zeitraum. „Wir befürchten, dass sie da bald wieder raus muss“, sagt Georges El Haddad. Außerdem könne es keine Lösung sein, die Familie auf Dauer zu trennen. Ein weiterer Grund, endlich eine eigene Bleibe beziehen zu wollen, sei, dass die Familie von einigen anderen Flüchtlingen diskriminiert werde. Pfarrer Janusz Piotrowski berichtet, es sei schon in der Erstaufnahmeeinrichtung in Offenbach zu Anfeindungen gegenüber der Familie gekommen: „Sie wurden bespuckt und als Schweinefresser beschimpft.“ Bei der Essensausgabe seien die Qaders benachteiligt worden. Georges El Haddad erzählt, dass sie in Frankfurt fast täglich angepöbelt würden.

„Religion spielt in manchen Teilen dieser Erde eine andere Rolle“, sagt Piotrowski. Als Christen sind die Qaders eine verfolgte Minderheit in ihrer Heimat. Religiöse Vorurteile verschwänden aber auch in Deutschland nicht, bedauert der Priester.

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