Altenpflege

Inzwischen ist es fünf vor zwölf

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Protest in Neu-Isenburg: Altenpflegerin Maria Berlakov (von links), Günther Schlott, Leiter "An den Planeten", Margit Geisler, Leiterin "Haus am Erlenbach" und Krankenpflegerin Vera Wesselov.

Offenbach - Demonstrationen in der Region für Verbesserungen in der Pflege älterer Menschen. Von Ronny Paul

Deutschlands Altenpflege geht am Stock, es knirscht an allen Ecken und Enden: Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steigt, Pflegekräfte bemängeln eine zu geringe Wertschätzung ihrer Arbeit, pflegende Angehörige mahnen ausreichende Unterstützung an, es mangelt an Fachkräften und wie so oft fehlt das nötige Geld. Zur bundesweiten Aktion „Rettungspaket Altenpflege“ fordert der Diakonische Verband Offenbach: Es ist fünf vor zwölf - die Politik muss handeln.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar des Redakteurs Peter Schulte-Holtey.

Die Realität in der Altenpflege sieht derzeit so aus: 30 Minuten kann ein Pfleger im Schnitt am Tag für die Betreuung einer einzelnen Person einplanen. Allerdings bleiben nur sieben Minuten davon für die Versorgung und Unterstützung des Pflegebedürftigen, dafür 23 Minuten für die Dokumentation der geleisteten Arbeit. „Das Pflegepersonal sitzt heute mehr am Computer als beim Patienten“, verdeutlicht Peter Potorski, ehemaliger Leiter des Anni-Emmerling-Hauses in Offenbach, die Situation in der Altenpflege. Jeder Handgriff müsse dokumentiert werden: „Ein Automechaniker muss auch nicht jede einzelne Schraube und jeden Handgriff auf Papier festhalten. Das müssen nur die Pfleger“, schimpft der erfahrene Pflegemanager über die den Heimen aufgebürdete Bürokratie und schildert die Konsequenzen bei Nichtbeachtung: „Kommt ein Pfleger seiner Dokumentationspflicht nicht nach und kümmert sich stattdessen mehr um den Menschen, bekommt die Einrichtung gleich eine schlechte Bewertung vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK).“

Hoher Zeitdruck

Pfleger müssten unter hohem Zeitdruck ihr Pensum erfüllen und hätten kaum Zeit, um dem Patienten unterstützend zur Seite zu stehen. So werde ein Pflegebedürftiger unter Zeitdruck gewaschen und nicht ausreichend bei der Körperpflege unterstützt, beschreibt Susanne Heisel, Leiterin des Offenbacher Anni-Emmerling-Hauses, den Alltag in der Altenpflege. „Den Patienten sollte ein hohes Gefühl der Selbstständigkeit gegeben werden. Außerdem haben diese ein Recht darauf, Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen“, macht Pfarrer Martin Barschke vom evangelischen Verein für Innere Mission in Frankfurt deutlich. Der Verein ist unter anderem Träger des Elisabeth-Maas-Hauses im Offenbacher Nordend.

Um aus dieser Zwickmühle für Personal und Einrichtungen auszubrechen, fordern Potorski und Heimleiter vor allem mehr Zeit für die Pflege des Einzelnen. „Die Pflegekraft muss sich voll auf den Patienten konzentrieren können und darf aus Zeitdruck nicht schon mit den Gedanken beim nächsten Pflegebedürftigen sein“, so der Appell von Barschke. „Eine würdevolle Pflege stellt nicht nur die leibliche Versorgung des Menschen in den Mittelpunkt, sondern kümmert sich um ihn als ganzen Menschen, mit Leib und Seele“, erklärt Offenbachs Sozialdezernent Felix Schwenke. Es sei allerdings schon lange bekannt, dass die Pflege in Deutschland einseitig auf die Frage der körperlichen Versorgung verkürzt worden sei, so der SPD-Politiker bei der gestrigen Demonstration der Diakonien vor dem Offenbacher Rathaus.

Angehörige, Pflegekräfte und Betroffene diakonischer Altenhilfe-Einrichtungen formulierten im Zuge der Aktion „Rettungspaket Altenpflege“ vier Kernforderungen: eine würdevolle Pflege, familiäre Entlastung, eine gerechte Finanzierung und eine attraktive Ausbildung. Angesichts der Ansprüche macht Heisel deutlich, was sie von der Politik erwartet: „Wir brauchen eine echte Reform, keine Reförmchen.“ Daher gehe sie auf die Straße, um die Politiker zum Handeln zu bringen. Auch Schwenke erwartet Taten seiner Berliner Kollegen: „Die Finanzierung der Pflege muss solidarisch getragen werden. Menschen mit niedrigem Einkommen oder im Sozialleistungsbezug können sich eine private Vorsorge nicht leisten. Sie dürfen nicht benachteiligt werden.“ Er verlange Strukturen, die das Pflegerisiko auch für Menschen mit geringem Einkommen absichern.

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Auch in anderen Kommunen der Region wurde protestiert. So beteiligten sich die drei Altenpflegeeinrichtungen der Diakonie in Neu-Isenburg an der Protestaktion mit „Paketen“ voller Wünsche an die Bundespolitik. Um 11.55 Uhr versammelten sich Leiter von Pflegedienststellen vor dem Proteststand im Haus „An den Platanen“.

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