Deutschlands bekannteste Mangaka

Christina Plaka eröffnet Comic-Schule in Offenbach

+
Im Rücken hundert Welten: Christina Plaka vor ihren fünfeinhalb Regalmetern japanischer Comic-Kultur. Auf dem Gründercampus Ostpol hat die Offenbacherin eine Zeichenschule eröffnet.

Offenbach - Bleistiftschwingend und tuschekratzend Kulturen verbinden? Für Christina Plaka kein Problem. Die Offenbacherin hat im Gründerzentrum Ostpol ihre eigene Zeichenschule für japanische Comics eröffnet: „i am mangaka“. Noch ist’s reichlich eng zwischen Tafel und Tisch. Von Eva-Maria Lill 

Doch davon will sich Deutschlands bekannteste Manga-Künstlerin nicht abhalten lassen. Japan liegt in Offenbach und ist ziemlich genau 20 Quadratmeter groß. Hinein passen: drei Tische, zehn Stühle und fünfeinhalb Regalmeter Abenteuer. „Mein Leben ist Manga. Punkt“, sagt Christina Plaka und umkurvt mit lässigem Hüftschwung Hindernisse auf dem Weg zum Schrank. Dort pult sie ein Taschenbuch hervor. Auf dem Cover fläzen vier coole Typen in schwarzen Shirts und Ponyhaarschnitt. „Das war mein erster“, ihr Grinsen wächst bis zu den Ohren.

Stolz ist Plaka immer noch. Und das, obwohl ihr Debüt-Comic „Prussian Blue“ vor 13 Jahren erschien und die Offenbacherin längst Profi im Manga-Geschäft ist. Sie gilt mitunter als Deutschlands bekannteste Schöpferin von Bildgeschichten im japanischen Stil. „Ich wollte immer zeichnen und das anderen beibringen“, erklärt die 33-Jährige. Seit zwei Wochen ist sie diesem ganz großen Traum einen fetten Tuschestrich näher gekommen. Denn die 33-Jährige hat im Gründerzentrum Ostpol eine eigene Manga-Zeichenschule eröffnet – erst die zweite in Deutschland überhaupt. Wer nicht nach Hamburg kurven will, „muss“ zu Plaka. Die Offenbacherin mit griechischen Wurzeln darf sich sogar als einzige Europäerin „Master of Manga Studies“ nennen – das Zertifikat der renommierten Kyoto Seika Universität hängt über der Zeichentafel an der Wand.

Schuld an ihrer Leidenschaft sind Ponys. „Ich war in dieser Kleinmädchen-Pferdephase“, erinnert sich Plaka. Sie zeichnet Figuren der Serie „My Little Pony“ ab. Ein paar Jahre später wendet sie sich amerikanischen Klassikern zu: verschlingt X-Men, Spider-Man, paust Peter Parker auf Papier. Mitte der Neunziger folgt die Offenbarung in Form von „Mila Superstar“. Der Volleyball-Anime läuft in Dauerschleife. Plaka hockt vor dem Fernseher, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Davon angeregt habe ich mich mit japanischer Kultur beschäftigt“, sagt die Offenbacherin. Ab da steht fest: Sie will Mangaka werden – also Zeichnerin für japanische Comics.

Im Gondrom an der Waldstraße kauft sie ihr erstes Heftchen, „Gunsmith Cats“. Auch das steht noch im Regal. Jeder Meter ist hier eine kleine Zeitreise: „Dragonball“, Plakas erste große Manga-Liebe, ein bisschen weiter rechts „Sailor Moon“, Ausgaben des Manga-Magazins „Banzai“. „Darin habe ich 2001 die Anzeige gesehen, dass Carlsen Mangaka sucht“, erzählt Plaka. Sie bewirbt sich und bekommt den Vertrag. „Prussian Blue“ erscheint zunächst folgenweise im Mädchenheft „Daisuki“, schließlich als Sammelband.

Mit dieser Figur wirbt Plaka für ihre Schule. Der japanische Slogan heißt übrigens: „Ich bin Manga-Zeichnerin.“ -

Der Nachfolger „Yonen Buzz“ (ab 2005) wirkt erwachsener, aus schlaksigen Jungs sind bartstoppelige Männer geworden. 2009 folgt „Der Herrscher aller Welten. Das neuste Werk ist „GoForIt“ - sogar mit Offenbach-Bürgel-Bezug, der letzte Band erscheint zur Frankfurter Buchmesse im Oktober. Von 2002 bis 2010 studiert Plaka an der Goethe-Uni Japanologie und Romanistik. Für ihren Master lebt sie zwei Jahre in Japan und darf an der weltweit einzigen Manga-Fakultät in Kyoto ihre Stifte wetzen. „Das war die beste Zeit meines Lebens“, erinnert sich Plaka, „Japan ist der freundlichste, friedlichste, respektvollste Ort der Welt.“ Ihr Abschlussprojekt ist 2012 „Kimi he – Worte an dich“, eine Mischform aus Manga, autobiografischem Tagebuch und Graphic Novel. „Das Buch ist wie ich eine Fusion zwischen japanischen und europäischen Fragmenten“, sagt Plaka. Beinahe barsche Bleistiftschraffur, Skizzen aufs Papier gekratzt, zarte Kanten, Mangaaugen neben Westwelthänden. „Diese Mischung, das bin ich eben.“

Tausende besuchen erste German Comic Con in Dortmund

Den eigenen Stil finden, ein Ziel von Christina Plakas Zeichenschule, die seit zwei Wochen im Ostpol Schüler lockt. Unter der Woche hält sie Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse, auch einer für Grundschüler ist geplant. Zusätzlich organisiert die Künstlerin einmal im Monat Workshops zu bestimmten Themen, auf Wunsch bietet sie Privatunterricht. Zwischen 60 und 80 Euro kostet der Kurs. Einsteigen ist jederzeit möglich, eine Altersgrenze gibt es nicht. Auf dem Stundenplan stehen etwa Formenlehre, Genreanalyse und viel Praxis. „Manga ist mehr als Kulleraugen, bunte Haare, kurze Röcke. Das will ich vermitteln.“

Sowieso schränkt die deutsche Comic-Industrie die Manga-Auswahl stark ein. Titel für Erwachsene schaffen es selten bis in die hiesigen Bücherregale, häufig entscheiden sich Verlage für Abenteuer und Romantik. „In Japan gibt’s mehr, aber die Regeln sind strenger“, erklärt Plaka. In einem Mädchen-Manga muss zum Beispiel alle paar Seiten eine Ganzkörperaufnahme prangen, „damit die Leserinnen sich nach dem Vorbild der Figur stylen können“. Japanische Autoren erarbeiten sich die Lizenz zum Buch zunächst in Magazinen. Per Postkarte entscheiden Abonnenten, welche Geschichten sie weiterlesen würden. Nur solche schaffen es bis zum zweiten Kapitel. Auf diese Art überlebt der Manga-Boom in Japan schon seit Jahrzehnten.

In Deutschland ist der große Hype hingegen vorbei. „Die Verlage haben sich totpubliziert“, sagt Plaka, Erfolg wird immer schwieriger. Auch sie versuchte es zwischenzeitlich mit einem Bürojob. „Aber der Magnet war immer da, hat mich zum Zeichnen gezogen“, sagt die Künstlerin. Also nahm sie allen Mut zusammen und eröffnete die Schule: „Das beste, was ich hätte machen können. Es läuft gut. Ich würde gern in absehbarer Zeit expandieren, Leute einstellen. Und irgendwann eine Kooperation mit der Seika Universität eingehen – damit auch andere die Chance bekommen, die ich hatte.“

Mehr zum Thema

Kommentare