Zwei junge Syrer arbeiten beim Offenen Kanal

„Die wahre Geschichte zeigen“

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Die syrischen Brüder, der 21-jährige Mohammad Ghaleb (links) und der 23-jährige Mohammad Ghiath Safi Al Asali arbeiten ein halbes Jahr lang als Bundesfreiwillige beim Offenen Kanal.

Offenbach - Seit Kurzem arbeiten zwei Flüchtlinge aus Syrien beim Medienprojekt Offener Kanal. Auch wenn’s mit dem Deutsch noch hapert, in Film und Fotografie sind beide Profis. Neben der Arbeit werkeln sie an einem privaten Herzensprojekt. Von Julia Radgen 

Mit der Kamera durch die Fußgängerzone laufen und Passanten befragen, was sie an der Stadt stört. Das war eine ganz neue Erfahrung für Mohammad Ghaleb Safi Al Asali. Besonders überraschend für den 21-jährigen Praktikanten beim Medienprojekt Offener Kanal (MOK): Die Offenbacher antworten sogar auf kritische Fragen. Denn Mohammed Ghalebs Heimatland gilt als eines der weltweit gefährlichsten für Journalisten. Der 21-Jährige, von den Kollegen nur Mo genannt, stammt aus Syrien. Letzten August ist er nach Deutschland geflohen, zusammen mit seinem älteren Bruder Mohammed Giath. Der 23-Jährige wählte den Spitznamen Rain, zu deutsch Regen. Denn das bedeute sein Name übersetzt. Auf der Arbeit verständigt man sich meisten noch auf Englisch.

Dreh, Schnitt und Nachbearbeitung bestimmen momentan das Leben der beiden jungen Männer aus Damaskus. Sich beim Bürgersender einzufinden, fiel ihnen nicht schwer. „Medien sind überall gleich, genau wie Kunst und Musik“, sagt Rain. Sechs Monate lang arbeiten sie beim Offenen Kanal, als Praktikanten im Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug. 160 Euro Taschengeld gibt’s. Der MOK hat sich vergangenes Jahr als Einsatzstelle für anerkannte Flüchtlinge registriert und ist damit die hessenweit erste. Das Praktikum beim Bundesprogramm bedeutet vor allem: „Viel Papierkram“, sagt Leiterin Nadine Tepe. Das ist typisch deutsch für die Syrer. Auch Zeiterfassung und Stempelkarte gab es zu Hause nicht.

Fotograf und Kameramann

In der Heimat war der jüngere Bruder Fotograf, der ältere Kameramann. Fernsehserien, Videoclips und Kurzfilme waren ihre tägliche Arbeit. Das war, bevor es für sie nur noch ums Überleben ging. „Am 3. August habe ich Syrien verlassen“, erinnert sich Mo. Erste Station ist der Libanon, wo sein älterer Bruder bereits drei Jahre lebt, weil er vor dem syrischen Militärdienst geflohen war. Mit dem Flugzeug geht es in die Türkei, dann per Boot mit einem Schleuser nach Griechenland. „70 Menschen waren darauf, es gab keine Luft zum Atmen“, erinnert sich Mo. Fünf bis sechs Stunden soll die Fahrt dauern, doch das Boot geht kaputt. Zusammen mit anderen Flüchtenden sind die jungen Männer gestrandet. Sie finden Wasser und Obst. Sie müssen warten.

Irgendwann kommt ein neues Boot, nur mit zwei Litern Benzin betankt. „Wir hätten ungefähr 30 gebraucht.“ Zu wenig Treibstoff und zu viele Passagiere. „Das Boot lief voller Wasser“, erinnert sich der junge Syrer. Manche wollen nur noch raus, aber dafür ist es zu spät: „Fahrt nach Griechenland oder ich bringe euch um!“, wird ihnen gedroht. Schließlich kommen die Brüder in Griechenland an, erreichen über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich endlich Deutschland. „Ausfahrt“, das Schild auf der Autobahn halten sie für einen Ort. Heute können sie darüber lachen.

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„Die Sprache ist immer noch das größte Problem“, sagt der 21-jährige Mo schüchtern lächelnd. Mittlerweile haben sie eine eigene Wohnung, sind raus aus der Sammelunterkunft. Alltägliche Hürden gilt es zu meistern: „Neulich waren die Geschäfte zu, da konnten wir drei Tage nicht einkaufen“. Feiertag – täglich lernen sie Neues. „Das ist schon schwer“, sagen die beiden. Aber sie entdecken auch Parallelen zur Heimat. „Offenbach ist auch voller Menschen verschiedener Nationen, es gibt viel Verkehr und viele Geschäfte“, sagt Mo.

Der Plan der Medienpraktikanten: ein Film über ihre Flucht. „Wir haben schon zu drehen begonnen.“ Ein türkischer Bekannter ist für die Rolle des Schleusers verpflichtet. Wenn der Film fertig ist, soll er beim MOK und in regionalen Kinos laufen. „Wir wollen den Menschen zeigen, was wirklich passiert ist“, sagt Mo. Sie hätten im Nirgendwo sterben können, sagen die jungen Männer, jetzt wollen sie nur in Frieden leben. Drei Jahre dürfen sie vorerst bleiben. Studieren und arbeiten in der Medienbranche, das ist ihr Traum. Vielleicht, maybe, in Offenbach, sagt Rain auf Englisch. Entschlossen verbessert ihn sein Bruder: „Natürlich“, sagt er lächelnd auf Deutsch.

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