Trinkwasser-Übertragung an Zweckverband

EVO-Belegschaft empört über OB-Pläne

Seit 20 Jahren steckt die EVO jährlich zwei bis drei Millionen Euro in die Sanierung des Offenbacher Trinkwassernetzes – beispielsweise in die Hochbehälter auf dem Bieberer Berg (Foto). Somit gehört alles, was seit 1996 verändert oder erweitert wurde, dem Unternehmen. Stadtbesitz ist das Alte – Offenbach hat seit den 1850er Jahren, noch vor Frankfurt, eine Trinkwasserverversorgung.

Offenbach - Die Mitarbeiterschaft der Energieversorgung Offenbach ist auf Hundertachtzig: Die ihnen Mitte März offenbarte Absicht des Magistrats, das bislang an die EVO verpachtete Wassernetz 2016 an den Zweckverband Wasserversorgung Offenbach (ZWO) zu verkaufen, sorgt für Ängste, Unmut und massive Ablehnung. Von Thomas Kirstein 

Wie von unserer Zeitung exklusiv berichtet, will die Stadt die Hoheit übers Trinkwasser zurück. Treibende Kraft ist Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD). Mit im Boot sind offenbar Stadtwerke-Chef Peter Walther und Bernd Petermann, der Geschäftsführer des zu gleichen Teilen der Stadt und dem Landkreis gehörenden Zweckverbands.

EVO-Betriebsratschef Johannes Böttcher und sein Stellvertreter Erik Niedenthal halten nicht hinter dem Berg: „Die Idee, das einzige Unternehmen, das noch Geld in die Stadtkasse spült, zu zerschlagen, ist völlig grotesk.“ Sie liegen auf einer Linie mit dem Vorsitzenden der ZWO-Verbandsversammlung, dem Offenbacher SPD-Stadtverordneten Erich Strüb: „Ich persönlich halte das für die größte Dummheit, die’s überhaupt gibt.“

Der Magistrat will sich das Vorhaben bereits am 7. Mai von den Stadtverordneten absegnen lassen. Vom Übergang des Wassergeschäfts an den ZWO erhofft sich der OB unter anderem höhere Einnahmen für die Stadt. Bislang kassiert stets die Mannheimer MVV als Mehrheitseignerin der EVO mit. Möglicherweise soll aber über das Wasser auch eine Drohkulisse gegenüber den Mannheimern aufgebaut werden, um die von der SPD programmatisch angestrebte Rekommunalisierung der Energieversorgung zu flankieren.

Wie auch immer, die Beschäftigten fühlen sich als Leidtragende eines Konflikts zwischen Offenbach und Mannheim. Johannes Böttcher befürchtet, dass durch die Abspaltung der Wasserversorgung nicht nur rund 50 der 800 EVO-Arbeitsplätze in Gefahr sein könnten: Mit dem Verkauf des Netzes schwäche die Stadt auch den eigenen Versorger. Bis Mai will der Betriebsrat mit den Fraktionen sprechen, zeichnet sich kein Einlenken ab, wird demonstriert.

Alter Pachtvertrag ist ausgelaufen

Dass der Magistrat jetzt die Wasserversorgung entdeckt hat, verdankt sich dem Auslaufen des Pachtvertrags zum Ende dieses Jahres. 1996 hatte die EVO das marode, auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück gehende Netz übernommen, seitdem gewartet und betrieben, weil der Stadt das Geld fehlte, die Sanierung selbst zu leisten.

Seitdem hat das kommunale Unternehmen zwischen 40 und 50 Millionen Euro in die Erneuerung des 272 Kilometer langen Rohrsystems gesteckt. In dieser Größenordnung dürfte sich auch der Kaufpreis bewegen, den die ZWO an die EVO (und damit zur Hälfte auch an die Hauptaktionärin MVV) überweisen müsste.

Die Betriebsräte Böttcher und Niedenthal verstehen nicht, wie der Magistrat – OB Schneider und Bürgermeister Peter Schneider (Grüne) sind im EVO-Aufsichtsrat, Stadtkämmerer Felix Schwenke (SPD) ist Beteiligungsdezernent – solche „unausgereiften und unseriösen Pläne“ vorantreiben kann. Nicht allein, dass eine solche Transaktion erhebliche finanzielle Risiken wie Einnahmeverluste in Millionenhöhe berge. Die Arbeitnehmervertreter können sich auch nicht vorstellen, wie die bisherigen EVO-Leistungen innerhalb weniger Monate zum ZWO transferiert werden könnten. Der Trinkwasserproduzent habe momentan 13 Kunden – die Kommunen des Kreises. Künftig aber solle er mehr als 50 000 Abrechnungen für Offenbacher Kunden erstellen. Niedenthal: „Dazu fehlt dem ZWO bisher jedes Know-how, wie auch für Instandhaltung, Betrieb und Störungsdienst. Wir können den Job, der ZWO behauptet es nur.“

Synergieeffekte werden betont

Die Betriebsräte betonen die bei der EVO wirkenden Synergieeffekte. Indirekt mit Wasser beschäftigt sind Einkauf, IT, Rechnungs- und Personalwesen. Direkt sind es Mitarbeiter in Abrechnung, Netzdokumentation und Ablesung und natürlich die Monteure: Die sind aber auch für Gas und Strom zuständig.

Die Geschäftsleitung der EVO schweigt zu den Plänen, dürfte aber mit dem Vorstoß des Betriebsrats sehr einverstanden sein. Was eine Rekommunalisierung der gesamten EVO angeht, lassen die Personalvertreter indes mit sich reden. Voraussetzung sei eine für die Arbeitnehmer tragbare Lösung.

Johannes Böttcher und Erik Niedenthal fordern OB Horst Schneider und den MVV-Vorstandschef Georg Müller auf, sich an einen Tisch zu setzen und eine vernünftige Lösung zu erarbeiten – für daS Wasser wie für die EVO-Zukunft.

Friedrichsring nach Wasserrohrbruch gesperrt (Archiv)

Friedrichsring nach Wasserrohrbruch gesperrt

Kommentare