Essens-Retter im Visier

Veterinäramt stuft „Fairteiler“ im Nordend als Betrieb ein

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Marcus Wöll überprüft den „Fairteiler“ täglich auf verdorbene Lebensmittel, damit es bei etwaigen Kontrollen des Veterinäramts nichts zu beanstanden gibt.

Offenbach - Reinlegen, rausnehmen, zubereiten, genießen. Noch nie war der Tausch von Lebensmitteln so einfach wie mit dem sogenannten Fairteiler im Quartierszentrum Nordend. Doch nun ereilt die Initiative das Schicksal vieler Offenbacher Vereine. Denn das Veterinäramt macht die Ausgabe von Essen um einiges komplizierter. Von Sarah Neder 

Die Saubohnen warten ganz unten. Ein großer Plastikkorb voll damit. Sie liegen dort schon ein paar Tage, schwarze und braune Stellen machen sich auf der grünen Schote breit. „Die kommen jetzt weg“, sagt Marcus Wöll widerwillig und schaufelt die schlaffen Bohnen in eine Tüte. Sie wegzuschmeißen, passt dem Lebensmittelretter gar nicht. Doch seit geraumer Zeit muss er beim Fairteiler im Nordend rigoroser aussortieren. Denn der Schrank wurde vom Veterinäramt als Betrieb eingestuft und unterliegt deshalb strengen Kontrollen. Seit vergangenem Oktober gibt es den Fairteiler im Stadtteilbüro an der Bernardstraße. Er gehört zur Foodsharing-Bewegung, deren Mitglieder Lebensmittel vor dem Wegwerfen bewahren wollen. Das Prinzip des Tauschschranks ist simpel: Wer Essen übrig hat, legt es hinein. Wer welches braucht, nimmt es heraus. Außerdem befüllt Marcus Wöll das Regal regelmäßig mit Waren, die Supermärkte sonst weggeworfen hätten. Dunkelgelbe Bananen oder Äpfel mit braunen Stellen etwa. Die Essensretter stört die Optik nicht. Doch von Amts wegen müssen sie jetzt besonders auf den Zustand ihre Tauschprodukte achten.

Nicht mehr knackig, aber noch genießbar: Im Fairteiler landet auch Gemüse, das Supermärkte nicht mehr verkaufen wollen.

Laut zuständiger Behörde dürfen nur noch „sichere Lebensmittel“ im Fairteiler liegen. Das heißt: Kein Obst oder Gemüse mit optischen Mängeln, keine Produkte mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum, keine zubereiteten Speisen wie Marmeladen oder Chutneys ohne Inhaltsstoffliste. Des Weiteren müssen die Verantwortlichen Allergene kennzeichnen, ein Protokoll über Kühltemperaturen und einen Putzplan führen. Grundlage für diese Auflagen ist eine Verordnung des Europäischen Parlaments. Weil die Foodsharing-Station auf Selbstbedienung abzielt, ist eine genaue Überwachung der Lebensmittel sehr schwierig. Wöll schildert: „Ich sehe schon täglich nach, ob was gefault oder abgelaufen ist, aber ich kann nicht alles kontrollieren, was die Leute in den Schrank legen.“

Die Essenstauscher sind nicht die Ersten, die eine Bürokratie-Keule plagt. Seit einigen Jahren gelten strenge Hygienevorschriften für Vereine. Kuchentheken, Cafeterien, Feste stehen seitdem unter Beobachtung des Veterinäramts, als wären sie professionelle Restaurantküchen. Schlagzeilen gab es, als das Gesundheitsamt Bieberer Schülern mit Strafe drohte, weil sie selbst gemachte Marmeladen ohne Angaben von Inhaltsstoffen auf einem Markt verkauft hatten. Bei einer Diskussionsrunde für Vereinsvertreter im Ostpol klagte Behindertenbeirat Rainer Marx über das starre Bürokratiekorsett: Der Kuchenstand der Frauenselbsthilfe nach Krebs beim Aktionstag sei deshalb abgeschafft worden.

Foodtrucks - Deluxe-Straßenimbiss auf Rädern

Betroffen ist auch der Verein „Musik im Park“ der in den warmen Monaten Konzerte im Freien organisiert. Einen Großteil der Einnahmen zieht die kleine Gruppe aus ihrem Kuchenverkauf. Vorsitzender Dirk Eisermann erzählt, dass er und sein Team dabei viele Vorschriften zu beachten hätten. „Weil wir alle Inhaltsstoffe angeben sollen, bringt jeder freiwillige Bäcker sein Rezept mit.“ Das sei wichtig, um Allergiker zu informieren. Für den Verkauf eigne sich nur durchgebackener Kuchen, ohne Sahne oder Buttercreme. „Da ist es wichtig, dass es eine feste Gruppe gibt, die sich mit den Vorgaben auskennt.“ Bisher habe er noch keine Kontrollen erlebt. Doch bei aller Genauigkeit ist sich der Vorsitzende sicher: „Wenn man es drauf anlegt, wird man auch etwas finden!“ Ähnlich sieht es auch Marcus Wöll. Er versucht die Auflagen so gut es geht einzuhalten und andere auf die Vorschriften aufmerksam zu machen: „Ich habe auch schon auf Facebook informiert.“ Aber im Endeffekt, da ist sich Wöll sicher, sei der Fairteiler auf die Eigenverantwortung seiner Nutzer angewiesen.

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