Trotz hoher Nachfrage

pro familia hat mit finanziellen Problemen zu kämpfen

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Raquel Vazquez Perez, Florian Schmidt und Ria Ellers (von links) bieten bei pro familia Hilfe an. Um die finanziellen Sorgen der Einrichtung zu lösen, sind sie selbst auf Hilfe angewiesen.  

Offenbach - Kriselt es in einer Beziehung, können sich Paare an pro famila wenden. Doch die Beratungsstelle steckt selbst tief in der Krise. Es fehlt an Geld, die Förderbeiträge von Stadt und Land sowie Spenden können die steigenden Kosten nicht decken. Es droht ein Defizit im fünfstelligen Bereich. Von Steffen Müller

Der finanzielle Engpass ist so kritisch, dass pro familia mittlerweile für einige ihrer Angebote Gebühren erheben muss. Betroffen sind die Paarberatung und die Sexualpädagogik. 20 Euro kostet ein Erstgespräch bei Beziehungsproblemen, für jede Folgesitzung werden 50 Euro berechnet. Nötig wurde diese Maßnahme, weil „es in den letzten Jahren zu einem Einbruch bei Spenden gekommen ist“, sagt Raquel Vazquez Perez, seit Mai neue Geschäftsführerin der Beratungsstelle in der Domstraße 43. Doch nicht nur die ausbleibenden Spenden stellen ein Problem dar. Auch steigende Nebenkosten für Strom, Wasser oder Telefon sind zu spüren. „Es sind zwar jeweils keine großen Beträge, aber in der Summe wirkt sich das aus“, sagt Ria Ellers, die bei pro familia für die Bilanzen zuständig ist und außerdem in der Partnerschafts- und Sexualberatung tätig ist. Da pro familia als gemeinnütziger Verein keine Gewinne erwirtschaften darf, sind auch nur geringe Rücklagen vorhanden, mit denen das Defizit ausgeglichen werden kann.

Noch kann Vazquez Perez das Minus für das Jahr 2016 nicht genau beziffern, die Geschäftsführerin geht allerdings von einem fünfstelligen Betrag aus. Doch selbst „nur“ 1000 Euro seien zu viel, da die Rücklagen eben so knapp bemessen seien. Ellers vergleicht die finanzielle Situation mit Lebensmitteln, die auch nicht aufbewahrt werden können, sondern sofort gegessen werden müssen. „Es ist ein Leben von der Hand direkt in den Mund.“

Weitere Kosten entstehen, da der Verwaltungsaufwand immer größer und die Beratungen immer komplexer werden. „Wir erbringen immer mehr Arbeitsleistungen, die aus unseren eigenen Mitteln gedeckt werden müssen“, beklagt Vazquez Perez. So sei beispielsweise das Sozialrecht deutlich komplizierter geworden. Insgesamt würden die Beratungsfälle immer zeitintensiver werden. Die Möglichkeit, das Beratungsangebot zu kürzen, kommt für pro familia aber nicht in Frage. „Das wäre die schlimmste Konsequenz“, sagt Vazquez Perez über eine Reduzierung. „Je weniger wir anbieten, umso weniger Fördergelder bekommen wir.“

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2392 Erstberatungen hat pro famila im Jahr 2015 verzeichnet, das sind 193 mehr als 2014. 167 Erstgespräche führten die Partnerschafts- und Sexualberater. Dazu gehört seit Kurzem auch Florian Schmidt. Seit 45 Jahren ist er bei pro familia der erste männliche Paarberater und Sexualpädagoge. Dass nun neben zwei Frauen auch ein Mann als Ansprechpartner zur Verfügung steht, habe viele Vorteile, sagt Schmidt. „Meistens sind es die Frauen, die einen Termin bei uns ausmachen und ihre Männer überreden müssen, mitzukommen. Da kann es schon mal sein, dass sich Männer wohler fühlen, wenn sie einen männlichen Ansprechpartner haben.“

Auch in der Sexualpädagogik sei es wichtig, dass sich Jungen an einen männlichen Berater wenden können. Florian Schmidt informiert regelmäßig an Schulen, pro Jahr sind es zwischen 80 bis 100 Klassen. Er klärt auf, informiert über Verhütungsmethoden und Veränderungen in der Pubertät oder erklärt Grundschulkindern, was während einer Schwangerschaft passiert. Einige Jugendliche suchen im Anschluss das vertrauliche Gespräch, zum Beispiel, weil sie sich ihrer sexuellen Orientierung unsicher sind. Hier können Schmidt und seine Kolleginnen helfen. Bei ihren eigenen Sorgen, sind sie auf finanzielle Hilfe angewiesen.

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