Am Ende der Feldstraße

Illegales Obdach für Wohnungslose ist weg

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Am Ende der Feldstraße wurde ein altes Bahngebäude abgerissen. Nun versucht die Immobilien-Sparte des ehemaligen Monopolisten, einen Käufer oder Mieter für das leer geräumte Areal am Bahndamm zu gewinnen.

Offenbach - Am Ende der Feldstraße ließ die Bahn ein ungenutztes Gebäude abreißen – in Abstimmung mit der Stadt. Der Grund: Immer wieder haben sich Wohnungslose dort einquartiert und unhaltbare Zustände hinterlassen. Von Martin Kuhn 

Das Gebäude hätte in jeden Endzeit-Streifen gepasst: verrostete Stahltüren, zugemauerte Fenster, wucherndes Gestrüpp. Durch und durch düster präsentierte sich am Ende der Feldstraße ein Gebäude, das sich an den Bahndamm lehnte. Vor neugierigen Blicken verborgen: Über Jahre sind Wohnungslose und vermutlich Illegale eingedrungen und haben sich dort eine Bleibe geschaffen. Damit ist es vorbei. Die Bahn hat das Bauwerk abreißen lassen.

Dabei ließen sich die ungebetenen Gäste kaum stoppen. Ein Bahnsprecher berichtet, dass zuletzt eine massive Mauer im Obergeschoss aufgestemmt wurde, um ins Gebäude zu gelangen. Jetzt mögen einige sagen, dass die Personen lediglich mit einer gewissen Hartnäckigkeit ihre Notsituation lindern wollten. Für die Bahn, beziehungsweise eine ihrer zahlreichen Tochtergesellschaften, waren die Zustände jedoch nicht länger haltbar. „Eine Riesensauerei“, beschreibt der Sprecher vage die Lage. Da in dem Backsteingebäude keinerlei Ver- und Entsorgungsleitungen lagen, verrichteten die „Bewohner“ ihre Notdurft eben ohne. Eine Folge: „Massiver Schädlingsbefall.“

Bauwerk stand seit zwölf Jahren leer

Da die Immobiliensparte das seit gut zwölf Jahren leer stehende Bauwerk, ehemals Teil einer Desinfektionsanlage für Güterwagen im Stückgutverkehr (Nutztiere), nicht vermieten konnte, folgte die illegale Nutzung des Bahnbaus: „Diese Form von Vandalismus, Verschmutzung und Müllaufkommen haben wir nie in den Griff bekommen.“ Der Bitte der Stadt, den Zugang auf Dauer auszuschließen, habe man nicht nachkommen können. Daher folgte der Abriss.

Der Vorgang wirft ein Licht auf die Schattenseiten einer Wohlstandgesellschaft: Männer und Frauen, die auf der Straße leben, für eine oder mehr Nächte eine Bleibe suchen – und an vielen Orten finden. Ist das in Offenbach ein großes Thema? „Zum Glück nicht“, sagt Ordnungsamtsleiter Peter Weigand. Allerdings weiß er von Einzelfällen. So wurde das Gelände des ehemaligen Autohauses Friedel zum Problem. „Wohnungslose, Autowracks... Wir waren froh, als das Areal verkauft wurde und wir die Akte schließen konnten.“

Aufmerksam werden die Behörden meist nach Beschwerden über ein vermehrtes Müllaufkommen in der Gegend: Abfallbeutel im Gebüsch, Hausrat am Straßenrand. Die Suche wird zur Detektivarbeit. Weigand begründet das: „Diese Leute versuchen natürlich, sich möglichst unauffällig zu benehmen...“

Jeder fünfte in Deutschland von Armut betroffen

Jeder Fünfte in Deutschland von Armut betroffen

Die Handhabe der Kommune gestaltet sich schwierig, wenn Haus oder Grundstück – wie etwa in Nähe des Kaiserleikreisels – Teil eines Insolvenzverfahrens sind. Da sind weder Ansprechpartner zu greifen noch Kosten reinzuholen, wenn etwa Zugänge zu verschließen sind. Einzige Handhabe: „Es muss Gefahr im Verzug sein.“ Heißt: Ein Fall, bei dem ein Schaden eintreten könnte. Was wohlgemerkt die ungebetenen Bewohner umfasst.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) sieht übrigens bundesweit einen drastischen Anstieg der Wohnungslosigkeit: 2012 waren 284.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung, 2010 waren es noch 248.000 – ein Anstieg um zirka 15 Prozent. Die BAG prognostiziert bis 2016 sogar einen weiteren Anstieg der Wohnungslosigkeit um bis zu 30 Prozent. Das Problem laut Geschäftsführer Thomas Specht: „Wir müssen leider davon ausgehen, dass das Ausmaß der Wohnungslosigkeit noch dramatischer ist. Grund: Gesichertes Datenmaterial gibt es nicht. Als Ursachen für die steigende Zahl der Wohnungslosen nennt der Verein hohe Mieten, Verarmung und Fehlentscheidungen bei Hartz IV.

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