Mit eher bescheidenen Mitteln

ESO flickt die Löcher im Offenbacher Asphalt

Offenbach - Alles noch viel schlimmer als bisher befürchtet: Eine neuerliche Beurteilung des Offenbacher Straßennetzes hat ergeben, dass 36 Millionen Euro zu investieren sind, um den jetzigen Stand zu halten. Damit werden die Straßen jedoch nicht besser. Von Martin Kuhn 

Lediglich vier größere Straßensanierungen plant der ESO in diesem Jahr mit seinem Etat von 620.000 Euro.

Rot-Weiße Leitkegel begrenzen den Abschnitt, an dem Heiko Emmel mit seinen Kollegen arbeitet. Oder besser: ausbessert. Sie tragen gelbe Warnkleidung, manche Autofahrer fahren nur knapp an ihnen vorbei, während Ralf Werner mit seiner 1,5-Tonnen-Walze den Heißasphalt auf der Sprendlinger Landstraße verdichtet. Aber das ist im Sommer ihr Alltag. Nach gut zwanzig Minuten ist die Fahrbahn wieder frei. Ein Loch weniger. Davon gibt es in Offenbach mehr als genug. Henry Dinkel hat ein eingespieltes Team auf der Straße. Der Leiter der Straßenunterhaltung blickt zufrieden auf den Trupp, der dabei ist, die üblichen Frostschäden zu beseitigen. Bitte? 2015/16 war doch kein Winter... Dinkel lächelt. „Es kommt nicht auf die Länge des Frosts an. Ein, zwei kurze Wechsel zwischen Plus- und Minusgraden reichen, um einiges kaputt zu machen. Und das hatten wir auch in Offenbach.“ Mit unserem Autor trifft er sich an der Sprendlinger / Ecke Geishornstraße. Heiko Emmel, Ralf Hohs, Ralf Werner und Klaus Peter Weigand arbeiten Hand in Hand. Auf gut drei Quadratmeter sind die lockeren Teile bereits mit Hacke und Schaufel entfernt, eine Bitumenemulsion (eine Art Haftkleber) bereits aufgetragen. Färbt sie sich von Braun in Schwarz, wird aus der Schubkarre der Heißasphalt aufgetragen. Der hat beim Einbau 160 bis 180 Grad, wird in einer „Thermobox“, die bis zu fünf Tonnen fasst, bereitgehalten. Was dem Laien recht imposant erscheint, ist für die Männer gar nichts.

„Ein Quadratmeter, ein Zentimeter Einbautiefe - ergibt gut 25 Kilo“, rechnet Dinkel vor. Das heißt: In dieser einen schadhaften, wenig imposanten Stelle vor der Tankstelleneinfahrt „verschwinden“ mal schnell 200 Kilogramm. Die Walze hat die etwa drei Zentimeter tiefe Schicht mit einer Körnung bis fünf Millimeter stark verdichtet. „Gleich geben wir das für den Verkehr frei, da fliegt nichts mehr raus“, sagt Heiko Emmel. An der Stelle hat der Heißasphalt bereits deutlich Temperatur verloren, anfassen sollte man ihn allerdings nicht...

Bleibt die alte Frage, warum der Stadtbetrieb jetzt erst mit den Arbeiten beginnt. „Wir benötigen durchgängig etwa acht Grad Außentemperatur für diese Methode.“ Die übelsten Straßenlöcher wurden zwecks Gefahrenabwehr mit Kaltasphalt verfüllt; eine Notmaßnahme – mehr nicht. „Eine sehr kostspielige obendrein“, fügen die Straßenbauer hinzu. Unterm Strich stehen 90 Euro für eine Tonne Heißasphalt, 600 Euro für die kalte Variante. Also verbietet sich unter rein wirtschaftlichen Aspekten die von vielen Autofahrern geforderte sofortige Verwendung.

„Nicht nur...“, wirft Heiko Emmel ein und fordert auf: „Kommen Sie mal mit...“ In der Geishornstraße, eine typische Anliegerstraße mit kleinem Querschnitt, ist an vielen Stellen erkennbar, dass Löcher gestopft sind. „Sehen Sie, das ist der Unterschied“, sagt Emmel, während er den Absatz seines Arbeitschuhs in die Masse tritt und dreht. Sofort löst sich die vermeintliche Deckschicht. „Das eignet sich wirklich nur für den Notfall.“ Dabei ist diese Nebenstraße ein typisches Beispiel, an der die verschiedenen Sanierungsschritte erkennbar sind. Da ein dunkler Flecken, hier ein hellgraues Quadrat, ferner loser Schotter. So sieht es oft aus. „Schön ist das nicht“, sagt Emmel

Daher ist die Forderung verständlich, dass der ESO lieber seine Mittel in eine einzige gezielte Maßnahme konzentrieren sollte, als das Stückwerk weiter fortzusetzen. Henry Dinkel stimmt zu: „Wir würden lieber Meter und Volumen machen. Es fehlt schlicht und ergreifend das Geld.“ Im Jahres-Etat von drei Millionen Euro für die Straßenunterhaltung sind Gehwege, Beschilderung, Leitplanken, Stadtmöblierung, Deichverteidigung und eine 24-Stunden-Bereitschaft enthalten.

Für den reinen Straßenbau bleiben gut 620.000 Euro übrig. Anschauliches Beispiel: Damit könnten die Straßenbauer dreimal die Geishornstraße machen – mehr nicht! Und sie wissen als diejenige, die Tag für Tag auf den Straßen arbeiten: „So verbessern wir nicht die Straßen. Jede Flickstelle, jeder Eingriff - egal ob von uns, EVO oder Telekom in eine geschlossene Decke ist die nächste Angriffsstelle für Frostschäden, ergibt in fünf bis sechs Jahren das nächste Schlagloch.“

Schlaglöcher und kaputte Wege in Offenbach: Leserbilder

Eine neuerliche Befahrung (nach 2010) der Straßen hat ergeben, dass gut 36 Millionen Euro notwendig sind für kurzfristigen Erhalt. Jahrelang waren die Experten von 20 Millionen Euro ausgegangen. Tendenz steigend. Und: „Was vor sechs Jahren schlecht war, ist nicht besser geworden.“ Etwa 40 Prozent der Offenbacher Straßen gelten als „abgängig“; Sprich: Eigentlich ist ein grundhafter Neuaufbau erforderlich.

Das wären zirka 18 Zentimeter Unterbau und 6 Zentimeter Deckschicht. „Wir wissen schon, wie das geht“, sagen die Straßenbauer, die mit mehr Geld „endlich Volumen machen könnten“. Aber wäre es da nicht einfacher, an einigen Stellen (Hebestraße) die „Katzenköpfe“ freizulegen,  die immer noch die unterste Tragschicht bilden. „Nein, bei Nässe sind die spiegelglatt.“ Das damals gängige Verfahren, nur eine Asphaltschicht drüber zu ziehen, gilt heute als „Baufrevel“ der 60er Jahre: Harter Basaltstein, an dem heute selbst Fräsmeisel kaputtgehen, und weicher Asphalt – wie soll das halten?

Als besonders bedürftig fallen sofort Main- und Bismarckstraße ein. Die Experten verneinen das nicht, erinnern jedoch: „Mit den bisherigen Mitteln kommen wir jedenfalls nicht in die Anliegerbereiche, das reicht gerade für die großen Tangenten.“ Also hält der Leiter der Straßenunterhaltung keine guten Nachrichten bereit, während sein Team erneut die rot-weißen Leitkegel verschoben hat und wieder mal losen Asphalt schippt. Alles noch viel schlimmer als bisher befürchtet: Eine neuerliche Beurteilung des Offenbacher Straßennetzes hat ergeben, dass 36 Millionen Euro zu investieren sind, um den jetzigen Stand zu halten. Damit werden die Straßen jedoch nicht besser.

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