Frank Woerner ist Teil einer Branche, die nach und nach verschwindet

Der letzte Videothekaner

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Frank Woerner in seiner Empire-Videothek an der Berliner Straße 175. Es ist die letzte in Offenbach. Wie lange es sie noch geben wird, ist unklar.

Offenbach - Lange Zeit war es nichts Ungewöhnliches, dass ein Filmabend mit einem Gang zur Videothek begann. Mit einer Vielzahl von Internetangeboten hat sich das verändert. Videothekar Frank Woerner hält in Offenbach noch die Stellung. Von Christian Wachter

Seine erste Videothek eröffnete Frank Woerner auf gut 20 Quadratmetern in einer leerstehenden Tankstelle in der Provinz. Er hatte sie während seiner Zeit als Fahrlehrer bei der Bundeswehr unweit der Kaserne in Flehingen als seinen Geschäftsraum auserkoren. Es war 1983, im Kino liefen „James Bond 007 - Octopussy“, „Die Rückkehr der Jedi Ritter“ und „Flashdance“; während bei den Heim-Videokassettenrekorden Betamax, Video 2000 und VHS um die Vorherrschaft kämpften. Filmkopien kosteten teils mehrere hundert Mark. Damals, erzählt Woerner, gab es wochenlange Bestelllisten und Videotheken haben geboomt - knapp 5000 gab es in Deutschland. Heute sind es mit gut 1000 deutlich weniger, und die Entwicklung dürfte der Branche wenig Mut machen, waren es doch 2008 noch 3500.

Ähnlich sieht es bei Woerner aus. Zu Spitzenzeiten besaß er 22 Videotheken mit teils riesigen Flächen. Heute sind es noch fünf. Eine davon, die Empire-Videothek an der Berliner Straße 175, ist die letzte in Offenbach und eröffnete vor 21 Jahren. „Junge Leute sehe ich in dem Laden nur noch selten“, sagt Woerner. Die Sehgewohnheiten haben sich verändert: Den Gang zur Videothek haben viele durch ein paar Klicks auf Video-on-Demand-Portale wie Netflix im Internet ersetzt, wo sich Filme vom heimischen Rechner aus abrufen lassen. Als der letzte Offenbacher Videothekaner einem Teenager erzählte, was er beruflich mache, habe dieser begeistert ausgerufen: „Cool, retro!“

Aber auch die illegalen Downloads, berichtet er, seien ein Problem. Dass es der Branche längst nicht mehr so gut gehe, merke er auch an den Filmfirmen. Seien die früher noch offen für Verhandlungen gewesen, würden die Bedingungen heute diktiert – zu Ungunsten der Videotheken. „Dabei haben wir die Filmfirmen groß gemacht, jetzt sehen sie aber einfach kein Potenzial mehr in uns“, so Woerner.

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Rund 10.000 Filme bietet der gelernte Einzelhandelskaufmann in Offenbach zum Verleih, daneben auch viele zum Verkauf – ungefähr 12.000, der Großteil davon kommt aus dem Erwachsenensegment. Viele gingen allerdings gar nicht davon aus, so Woerner, dass man in einer Videothek Filme auch käuflich erwerben kann. Dabei ist das eigentlich naheliegend. Neuerscheinungen werden meist in großer Zahl bestellt, weil die Nachfrage hoch ist. Die Ausleihquote nimmt mit der Zeit ab, sodass einige Exemplare günstig abgegeben werden. Früher, so Woerner, habe er gleich 20 Stück bestellt, wenn ein Film neu auf VHS oder DVD erschien, heute sei das nicht mehr finanzierbar, weil Verleihversionen deutlich teurer seien als die herkömmlichen und die Nachfrage fehle. Auch beim Personal habe er schweren Herzens Abstriche machen müssen.

Um die Kunden noch in seine Läden zu locken, schreibt er sie schon einmal direkt an – mit einem beigelegten Gutschein, oder lässt sich Sonderangebote einfallen. So biete er zum Beispiel an, drei Filme für vier Tage zu leihen und dafür einen recht geringen Preis zu zahlen. Der Gang in die Videothek, erklärt er, solle sich lohnen, auch für Menschen die von weiter her kämen und die Filme nicht direkt am nächsten Tag zurückgeben wollen. „Außerdem versuchen wir mit Beratung zu punkten und wollen die Menschen ansprechen, die einen Film noch in der Hand halten möchten.“

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Es fällt Woerner nicht leicht, zu akzeptieren, dass es um die Zukunft der Videotheken nicht rosig bestellt ist. Vor allem nicht, wenn er an den Andrang Ende der 80er Jahre denkt. Ein Kunde hat sogar bei einem anderen daheim vorbeigeschaut, um „Stirb langsam“ direkt abzuholen, weil dieser den Film nicht pünktlich zurückgegeben hatte. „Ich habe ein Herz für das, was ich da aufgebaut habe und will mich eigentlich von keiner Filiale trennen, aber irgendwann passt es kaufmännisch einfach überhaupt nicht mehr.“

Sein Bedauern dürfte manch eine große Figur der Filmbranche teilen. Quentin Tarantino zum Beispiel, der seine Leidenschaft für B-Movies entdeckte, als er noch in einer Videothek arbeitete. Ob Woerner noch lange in Offenbach bleiben kann, weiß er nicht. Mit der Zeit werde er wohl noch drei Videotheken haben, vermutet er. „Man muss der Zukunft ins Auge blicken, vielleicht geht´s ja auch back to the roots, zurück zur klassischen Videothek mit einem kleinen Raum im Keller.“

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