Suchthilfezentrum Wildhof hilft Menschen

Das ganze Leben am Spielautomaten verzockt

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Mechthild Rau und Stefanie Höft kennen Menschen, die durch Spielautomatensucht in existenzielle Nöte geraten.

Offenbach - Spielhallen und Spielautomaten sind in der Stadt allgegenwärtig. Die Gewinne, die die Betreiber erzielen, gehen auch zu Lasten von Spielsüchtigen. Das Suchthilfezentrum Wildhof zeigt Betroffenen Wege aus der Abhängigkeit. Von Christian Wachter 

Wem in Offenbach der Sinn nach etwas Zockerei an einem Spielautomaten steht, der muss nicht lange suchen. Knapp 600 Geräte gibt es in der Stadt, damit kommt eines auf ungefähr 200 Einwohner. Der zweithöchste Wert im Kreis, nur Egelsbach hat eine höhere Automatendichte. Viele stehen von den Geräten irgendwann als Spielsüchtige wieder auf und benötigen Hilfe. Diese wird im Suchthilfezentrum (SHZ) Wildhof an den Standorten in Offenbach und Dietzenbach angeboten. Die Fachberatung für pathologische Glücksspieler und ihre Angehörigen gehört zum Landesprojekt „Glücksspielsuchtprävention und -beratung“ und ist zuständig für Stadt und Kreis Offenbach sowie den westlichen Main-Kinzig-Kreis. Betroffene werden in Einzelgesprächen beraten oder in stationäre und ambulante Therapiemaßnahmen sowie an Selbsthilfegruppen und die Schuldnerberatung vermittelt. Seit 2008 finanziert das Land im Rahmen des Glücksspielstaatsvertrages dieses Angebot für Menschen mit problematischem oder pathologischem Glücksspielverhalten.

Bundesweit sind 75 Prozent jener, die solche Beratungsstellen aufsuchen, Automatenspieler. Beim SHZ Wildhof in Offenbach und Dietzenbach sind es allerdings deutlich mehr: 91,5 Prozent. Dass das bunte Funkeln und Blinken in den Spielhallen schnell einem grauen Alltag weichen kann, weiß Fachberaterin Stefanie Höft: „Viele, die zu uns kommen, sind hochverschuldet und haben manchmal sogar ihre Familie und ihren Arbeitsplatz durch die Sucht verloren. Häufig müssen sie sich auch vor Gericht wegen Beschaffungskriminalität verantworten.“ Der Großteil ihrer 150 Klienten seien junge Männer, viele mit Migrationshintergrund. „Manche brechen erst einmal in Tränen aus, wenn sie hier ankommen“, erzählt Höft. Ein Schüler etwa, der bei ihr war, hatte in sechs Wochen 6000 Euro verzockt. Das sei aber vergleichsweise wenig. Tatsächlich kommt in Offenbach einiges zusammen. So wurden 2014 laut der Zahlen des SHZ Wildhof 14 Millionen Euro in der Stadt verspielt, 2012 waren es noch 8,7 Millionen. An den Einnahmen nach Abzug des ausgeworfenen Geldes ist die Stadt mit 20 Prozent beteiligt.

Umsätze dank pathologischer Glücksspieler

Mehr als die Hälfte der Umsätze in Spielhallen werde von pathologischen Glücksspielern – im wahrsten Sinne des Wortes – eingespielt, erzählt Wildhof-Leiterin Mechthild Rau. Die Gründe, warum viele nicht mehr von den Automaten lassen könnten, seien zahlreich. Die schnelle Spielabfolge, das Zusammspiel aus Ton-, Licht- und Farbeffekten, die Verfügbarkeit, das Gefühl von vermeintlichem Expertenwissen, die scheinbar guten Gewinnchancen und die Fast-Gewinne; all das seien besondere Reize und Risiken. Dennoch, so Rau, „wird niemand gleich süchtig, weil nebenan drei Spielhallen stehen“.

Stefanie Höft erklärt: „Hinter Abhängigkeitserkrankungen verstecken sich meist tiefer liegende Probleme, mit denen sich die Betroffenen auseinandersetzen müssen. Dabei wollen wir sie unterstützen und begleiten.“ Ein Patentrezept gebe es nicht: „Der Leidensdruck ist enorm und der Weg aus der Sucht individuell unterschiedlich.“ Gesetzliche Rahmenbedingungen für die Spielhallen gibt es zuhauf, allerdings sind sowohl Spieler als auch Betreiber oft kreativ in deren Auslegung. Dass an einem Automat etwa nur ein gewisser Betrag pro Stunde verspielt werden darf, löst ein Zocker dadurch, dass er sich an den nächsten Automat setzt oder an mehreren parallel spielt. Eigentlich, erzählt Rau, müsse das Spielhallenpersonal eingreifen, wenn es so etwas beobachte. Natürlich kann man sich in den Spielhallen sperren lassen, allerdings gibt es allein in Offenbach rund 250 Automaten in der Gastronomie.

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Auf der Seite der Betreiber werden nur wenige Gelegenheiten ausgelassen, zu betonen, wie wichtig das Thema Prävention und wie groß das Bestreben sei, Spieler vor der Sucht zu schützen. Mario Hoffmeister, Pressesprecher der Gauselmann AG, die unter anderem die Merkur-Automaten und -Spielhallen betreibt, sagt: „Das Thema Prävention ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der Unternehmensphilosophie.“ Man habe die Mitarbeiter im Jahr 2015 in über 11 000 Einheiten geschult, einen Sozialplan aufgestellt und lasse sich von Experten beraten. „Dadurch kann sichergestellt werden, dass auffällige Spielgäste aktiv und qualifiziert angesprochen werden“, so Hoffmeister. Beratungsstellen wie das SHZ Wildhof unterstütze man etwa durch Werbung und Broschüren in den Spielhallen.

Bei Stefanie Höft suchte vor Kurzem tatsächlich ein Betroffener Hilfe, der durch das Personal einer Spielhalle an sie vermittelt wurde. Es war der erste, der auf diesem Wege zu ihr kam. Eine exklusive Erfahrung, wie sie erzählt: „Ich war gerade auf einer Fachtagung in Unna und habe erfahren, dass im gesamten Landesprojekt sonst noch niemand die Fachberatung aufgesucht hat, weil ihm dazu in einer Spielhalle geraten wurde.“

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