Harte Vorwürfe gegen Sachverständigen

Verzögerungstaktik verhindert Urteil im Herbert-Prozess

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Sorgten für erneute Verzögerung im Prozess gegen den mutmaßlichen Schläger Sven R.: Die Verteidiger Armin Golzem (links) und Heinz-Jürgen Borowsky.

Offenbach - Leichtes Kopfschütteln. Augenrollen. Seufzen. An Mark Herberts Reaktionen lässt sich genau ablesen, was gerade im Gerichtssaal passiert. Das Urteil im Prozess um den mutmaßlichen Schläger Sven R. wird vertagt. Schon wieder. Von Sarah Neder

Denn wie bei vergangenen Sitzungen am Darmstädter Landgericht haben die Verteidiger Armin Golzem und Heinz-Jürgen Borowsky Anträge gestellt. Es sind lange Schriften. Etwa durch elf Seiten müssen sich die Richterinnen, der Staatsanwalt und die Nebenklage durcharbeiten. Zu viel für heute, beschließt die Vorsitzende Richterin Ingrid Schroff und blättert im Terminkalender. Die Anwesenden einigen sich auf den 15. September. Dann soll das Urteil fallen. Endlich – wenn es nach Mark Herbert geht. „Ganz klar, dass hier auf Zeit gespielt wird“, sagt er beinahe gleichgültig, als er aus dem Gerichtssaal rollt. Dass heute wieder keine Entscheidung getroffen wurde, damit habe er schon fast gerechnet. Dennoch: Die Verzögerung quält seine Psyche.

Zur Erinnerung: Sven R. soll den 27-jährigen Herbert beim Bieberer Aussichtsturmfest 2012 zusammengeschlagen und getreten haben. So brutal, dass Herbert fast stirbt, querschnittsgelähmt überlebt und nun im rollstuhl sitzt. Der Angeklagte bestreitet seine Schuld – Mark Herbert habe sich bei der Auseinandersetzung die Verletzungen selbst zugefügt, behauptet er. Zweifel an dieser Version hegt jedoch der medizinische Gutachter Dr. Matthias Kettner. Der ließ die Tat nachstellen und schloss daraus und aus den Verletzungen Herberts, dass die Ausführungen des Angeklagten wenig plausibel seien. Golzem und Borowsky stellen deshalb einen Antrag, den sie gestern noch einmal erläutern: Kettners Gutachten sei falsch. „Es ist ohne Weiteres erkennbar, dass der Versuch nicht mit der Schilderung unseres Mandanten übereinstimmt“, sagt Golzem und fordert, einen weiteren Sachverständigen hinzuzuziehen.

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Die Verteidiger unterstellen Kettner, er habe es „sich zur Aufgabe gemacht“, eine Verurteilung wegen Körperverletzung oder eines Tötungsdelikts R.s zu ermöglichen. Die beiden Anwälte rütteln gestern auch an Herberts Glaubwürdigkeit. Da er als einziger Zeuge behauptet, nicht auf der Plattform des Turms gewesen zu sein, schließt Borowsky auf eine durch seine späteren Verletzungen bedingte Amnesie. Diese Vermutung will die Verteidigung mithilfe eines weiteren Gutachters, eines Neurologen etwa, bestätigen.

Bilder: Prozess gegen Schläger von Mark Herbert 

Herberts Anwalt Jörg Dietrich beunruhigt das nicht: „Ob er oben war oder nicht, das hat nichts mit der Tat zu tun.“ Trotz tüchtiger Verteidiger hat allerdings der Angeklagte weiter Grund zur Sorge. Wie berichtet, wurden Aufnahmen aus der Handyüberwachung 2015 im Gerichtssaal abgespielt. Der Angeklagte R. begründete seine mitunter heftigen verbalen Ausraster damit, er habe damals täglich Haschisch geraucht, war ihn aggressiv gemacht habe.

Um das zu klären, hatten R.s Anwälte die Befragung des forensischen Psychologen Hartmut Berger beantragt. Der Gutachter legt dar, dass Haschisch in der Regel keine Wutausbrüche hervorrufe. Im Gegenteil: „Entspannung und Dämpfung im Gehirn sind Sinn und Zweck dieser Stoffe“, sagt Berger. Konsumenten seien deshalb gerade nicht aggressiv. Zum Tatzeitpunkt will R. nach eigenen Angaben keine Drogen genommen haben.

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