Heftige Liaison mit der Notlüge

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Das wird‘s gerade unangenehm für die Figuren der Verwechslungkomödie „Und alles auf Krankenschein“ – aber ungemein lustig fürs Publikum der Bürgeler Laienmimen.

Offenbach ‐ Gallensteine und Hämorrhoiden – eine wahrlich niederschmetternde Diagnose. Aber selbst die hätte Dr. David Mortimore wohl lieber sich selbst zugeschrieben als das, was an diesem denkwürdigen Tag wirklich auf ihn zukommt: das Ergebnis einer „herrlich verwerflichen und romantischen“ Liaison mit Lernschwester Jane Tate – vor genau 18 Jahren und neun Monaten. Von Veronika Szeherova

Das ist die Ausgangssituation in der Verwechslungskomödie „Und alles auf Krankenschein“ des englischen Bühnenautors Ray Cooney, dem aktuellen Stück der Bürgeler Theatergruppe „Kirchenmäuse“.  „Im Februar entscheiden wir immer darüber, welches Stück wir in dem Jahr spielen werden“, erklärt Gerrit Wiegand, der für Technik und Kulisse zuständig ist. „Und diesmal wollten wir wieder etwas Lustiges aufführen.“ Recherchiert wird bei Theaterverlagen. Wichtig ist, dass das Stück mit seiner Personenzahl zur Gruppe passt, es von seiner Konzeption her „angenehm“ ist.

Großer Andrang im Gemeindesaal

Die Qualität der Aufführungen der „Kirchenmäuse“ hat sich längst herumgesprochen. Bei der Premiere vorgestern mussten die Zuschauer sogar mit ihren Stühlen nach vorne rücken, um Platz für eine weitere Reihe zu schaffen, so groß war der Andrang im Gemeindesaal der Gustav-Adolf-Gemeinde. Nervös? „Ja, immer“, gesteht Wiegand, „als Amateurschauspieler ist jeder Auftritt etwas Besonderes.“ Ein tolles Extra erwartete das Publikum noch vor der Aufführung: Auf jedem Stuhl gab es einen originellen Kugelschreiber in Form einer Spritze. Als alle „Patienten“ ihre Plätze eingenommen hatten, konnte die „Behandlung“ im St. Andrews Krankenhaus beginnen.

Lachtränen flossen, als der Neurologe Dr. David Mortimore, bravourös dargestellt von Andreas Friedel, von seiner „illegitimen Tochter“ erfährt. Und das ausgerechnet an einem für ihn so wichtigen, Karriere beeinflussenden Tag, an dem er einen Vortrag vor 200 Kollegen beim Medizinerkongress halten soll. Die strenge Lady Victoria Drake (Meike Grabo), Vorsitzende des Aufsichtsrates, macht ihm die Hölle heiß, sollte irgendetwas schief gehen. Doch knapp anderthalb Stunden vor Vortragsbeginn platzt seine ehemalige Geliebte Jane Tate (Christiane Berker) in seine Vorbereitungen. Und alles gerät aus den Fugen, als sie von Tochter Leslie erzählt, die gerade 18 Jahre alt geworden ist und dringend ihren Vater kennenlernen will.

Darsteller begeisterten mit ihrem Spiel das Publikum

Dr. Mortimores Frau Rosemary (Sabine Peppermüller), die auch zum Vortrag ins Krankenhaus gekommen ist, darf nichts von Jane erfahren. Und erst recht nicht von Leslie. Als sie das Gespräch zwischen Mortimore und Jane stört, rettet dieser sich mit einer Notlüge. Daraus entwickelt sich die nächste. Und so geht es weiter, es wird immer abstruser, Mortimore immer verzweifelter und erfinderischer, das Geschehen immer witziger. Und schließlich sind auch Mortimores Kollegen Dr. Mike Connolly und Dr. Hubert Bonney tiefer mit drin in der Situation, als ihnen lieb ist. Rüdiger Bock und ganz besonders Jaro Wolters begeisterten mit ihrem Spiel das Publikum.

Die „liebe kleine Tochter“ Leslie (Natascha Friedrich) entpuppt sich als Punk mit grün-gelb-blauer, neongreller Irokesenbürste und Nietenhalsband. Ihr auf den Fersen ist die Polizistin Connolly (Mareike Jeidler) und - mit einer 100-Gramm Valiumspritze - auch die Oberschwester, ausgezeichnet gespielt von Nicole Ostermann. Auch der tatterige Patient Bill Lesley (famos: Alexander Lühn) wird aufgrund seiner Namensgleichheit mit einbezogen, sehr zu seinem Gefallen. Plötzlich ist er von vielen Frauen umgeben, von „echten und solchen mit Luftballons.

Neurotische Katzen und Doppeldecker-Buslinie 34

Was das alles mit Toten in Gletscherspalten im Himalaja, neurotischen Katzen und der Doppeldecker-Buslinie 34 zu tun hat, kann man heute noch bei zwei Aufführungen der „Kirchenmäuse“ erfahren. Um 15 und um 19.30 Uhr spielen sie „Und alles auf Krankenschein“ im Gemeindesaal der Gustav-Adolf-Gemeinde in der Langstraße 62. Ein bisschen Sitzfleisch sollte man mitbringen, fast drei Stunden dauert die Vorstellung. Aber bei so viel Lacharbeit vergeht die Zeit wie im Flug.

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