41. Tag der Hessischen Denkmalpflege

Weitsichtige Grundeinstellung

Offenbach - Offenbach hieß als Schauplatz des 41. Tags der Hessischen Denkmalpflege gestern Teilnehmer willkommen. Neben Vorträgen gehörten überraschende Entdeckungen bei Exkursionen durch die einstige Lederstadt zum Programm. Von Harald H. Richter 

In Gruppen schwärmen sie aus, um fußläufig zu erkunden, wie sich Migration, Tradition und Kommunikation im Stadtbild widerspiegeln. Kundig angeleitet sind daher die Teilnehmer des 41. Tags der Hessischen Denkmalpflege auf den Spuren Lilis und Goethes unterwegs, erleben Kiez-Atmosphäre in Hinterhöfen und genießen Gaumenfreuden. Daher trifft es sich gut, dass am gleichen Tag die Händler auf dem Wochenmarkt ein üppiges Warenangebot ausbreiten. „Die Vielfalt der Esskultur in Offenbach offenbart sich aber auch beim Besuch der Käsemanufaktur L’Abbate, einer türkischen Bäckerei und eines indischen Lebensmittelgeschäfts“, nennt Ida Todisco stichpunktartig Anlaufpunkte eines kulinarischen Rundgangs. Sämtliche Exkursionen an diesem Tag hat Loimi Brautmann mit seiner Agentur Urban Media Project entwickelt. Lili-Tempel und Isenburger Schloss, Französisch-Reformierte Kirche und die ehemalige Schnupftabakfabrik Bernard sind nur einige Stationen, nicht zuletzt das neobarocke Büsingpalais, das einst als Bernard-d’Orvillsches Herrenhaus errichtet wurde.

Hier tagen die aus dem ganzen Land angereisten Vertreter der Denkmalpflege, ziehen zunächst aus mehreren Impulsvorträgen wertvolles Hintergrundwissen für ihre späteren Begehungen. Dr. Jürgen Eichenauer, Leiter der Hauses der Stadtgeschichte, spricht am Beispiel ausgewählter Kulturdenkmäler über die Historie der Migration in Offenbach, Vicente Such-Garcia beschreibt Gastarbeitervereine, die bis heute eine wichtige Funktion im öffentlichen Leben der Stadt spielen. Professor Kai Vöckler von der Hochschule für Gestaltung nimmt den von Dirk Saunders geprägten Begriff der Arrival City zum Anlass, über die Aufnahmekultur Offenbachs zu referieren.

Diese benennt auch Wissenschafts-Minister Boris Rhein: „Vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen wie etwa der Zuwanderung von Flüchtlingen oder der Frage nach der Zukunft der EU ist die kulturelle Vielfalt der heutigen Gastgeberstadt beispielhaft für das Verbindende und die gemeinsamen Wurzeln verschiedener Kulturen.“ Gerade die Kulturdenkmäler öffneten den Blick dafür, wie selbstverständlich die Stadt schon seit dem 17. Jahrhundert mit diesen Einflüssen umgehe.

„Das kulturelle Erbe in Offenbach ist längst nicht mehr nur Zeugnis hessischer Identität, sondern Ergebnis geglückter Wechselbeziehungen mit anderen Nationen und deren Traditionen“, sagt Rhein. Mit seiner Aufnahmekultur biete die Stadt den Bewohnern die Chance, an Offenbachs Gestaltung mitzuwirken. Daran knüpft der Präsident des Landesamts für Denkmalpflege an. „Offenbach hat nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in kultureller Hinsicht von fremden Impulsen profitiert“, betont Dr. Markus Harzenetter.

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Die Französisch-reformierte Kirche zeuge bis heute von der liberalen und weitsichtigen Grundeinstellung des Grafen Johann Philipp von Isenburg-Büdingen. Durch zahlreiche Privilegien habe der bekennende Calvinist einst ideale Voraussetzungen dafür geschaffen, dass hugenottische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich sich am Main niederlassen konnten, um hier Fabriken und Manufakturen zu gründen. Auch andere Gebäude in Offenbach belegten diese grundsätzliche Offenheit gegenüber anderen Einflüssen. „Für uns ist es wichtig, heute am Beispiel ausgewählter Denkmäler darzustellen, dass die Kommunikation zwischen verschiedenen Zivilisationen schon immer stattgefunden hat und letztlich das Fundament für den Reichtum der heutigen Kulturlandschaft ist.“ Das Thema vertiefen die rund 100 Teilnehmer während eines zweiten Vortragszyklus‘. Dabei nennt Dr. Julia Cloot, Kuratorin im Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main, Einzelheiten des Transit-Projekts. Frank Achenbach stellt Offenbachs Masterplan vor.

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